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DIE
MÄECHENKOMÖDIE
IN ATHEN
VON
TH. ZIGLIÜSKI.
ÜB. PHIL.
BE80NDEREB ABDRÜCK AUS DBM JAHRESBERICHT DER DEUTSCHEN SCHÜLKN
ZU 8T.-ANNEN FÜR 1885.
ST. PETERSBURG.
RUCHDR(JCKER£I der kaiserlichen AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.
(Was.-Ostr., 9. Linie, JV^ 12.)
1885.
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DIE
MÄECHENKOMÖDIE
IN ATHEN
VON
TH. ZIEIINSKI.
DR. PHIL.
BESONDEBES ABDBUCK AUS DEM JAHBB8BEBI0HT DEB DETJXSOHEK SCHULEN
ZU ST.-ANNEN FÜB 1885.
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ST. PETERSBURG.
RUCBDB(J0KEB£1I DEB KAI SE blichen AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.
(Ww.-OBtr., 9. Linie, J« 12.)
1885.
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^osBOJieHO i;eH3ypoK). C.-neTep6ypr'b, 23 Ma» 1885 r
MEINEN FREUNDEN
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D" OTTO CRUSIUS un» D" HEINRICH SCHWARZ
IN LEIPZIG IN HIB8CRBEBG
MIT HERZLICHEN GLÜCKWÜNSCHEN
im 26. MÄRZ DND im 18. APRIL
1885 1885
ZUGEEIGNET
AM PFINGSTFE8T 1885.
DIE MÄRCHENKOMÖDIE
m ATHEN.
Das Weltgeheimnis ist nirgendwo,
es ist nicht hier und nicht dorten ;
Es schaukelt sich wie ein nnschuldiges Kind
in des Sängers blühenden Worten.
Immermann.
BürfV ich wünschen^ wie ich wolW... meint das Bäumlein
im Märchen, das immer andere Blätter haben wollte. Die Worte und
das Märchen sind bekannt. Auch unsere Schaler haben sie zur rechten
Zeit gelernt; zur rechten Zeit haben sie auch beides vergessen, und
als mit den Jahren die neue, wissenschaftliche Auffassung sich Gel-
tung verschaffte, welche das Verhältnis des Wunsches zum Wollen
ganz anders darstellte, da war die alte, treuherzige Märchenweisheit
längst aus ihrem Bewusstsein geschwunden. Der Wille, hiess es nun,
welcher der Kraft entspringt und zur That fuhrt, ist die männliche,
weltbewegende Potenz; der Wunsch ist ein Schwächling, der wohl
mit den Augen träumerisch ins Weite hinausblickt, aber kein. Glied
rahrt, um dem erspähten Ziele näher zu kommen. Wünschen kann
jeder; der Wille setzt Willensmacht voraus und birgt den Keim
des Erfolges in sich — und könnf ich wollen, wie ich wünschte!
mochte sich mancher denken, der sich den immer mannigfacher wer-
denden Lebensaufgaben gegenüber an seine eigene Thatkraft verwie -
sen sah.
Wir wollen einmal der Märchenweisheit das Wort reden — oder
vielmehr, wir wollen sie deuten, wie einst die delphischen Priester die
Bätseiworte derPythia deuteten, und uns auch nicht wundern, wenn
1
2 Wünsch UND Märchen.
sich dabei ein von der Urheberin selber ungeahnter Sinn ergibt.
Wollen kann jeder, wenn auch nicht in gleichem Masse. Des einen
Wille ist dem Sturmwind vergleichbar, der die Meeresflut aufwühlt
und Bäume entwurzelt, von dessen Gewalt noch lange nachher die
bewegte See, das trümmerbedeckte Erdreich zeugt; bei dem andern
ist es der Alltagswind, der die Segel schwellt und die Mühlen in
Thätigkeit setzt; anderwärts wieder das träge Lüftchen, das sich
kaum am Wispern der Zitterespe verrät. Aber so oder anders —
der Wollende ist immer sein eigener Knecht, und sein Wille bricht
mit ihm zusammen. Der Wunsch dagegen — wenn er nur ,am
rechten Ort, zur rechten Stunde' ausgesprochen ist, — verkörpert
sich sogleich durch Greistesmacht zu einem neuen, selbstthäiigen
Dasein; kaum geboren entringt er sich der Seele des Wunschenden;
ohne dass die Betroffenen es spüren, hat er die Herzen vieler Tau-
sende ergriffen, und wühlt, und nagt... wie das verirrte Gletscher-
bächlein an der Felswand nagt, die ihm den Weg ins Freie ver-
sperrt. Jahrhunderte vergehen, ohne dass die Bergesform sich im
geringsten verändert zeigt. Dann kommt wohl ein Orkan, der Felsen
stürzt, — und die Menschen glauben, ein einziger mächtiger Wille
hätte das bewirkt, was doch nur Folge der langjährigen, stillen und
steten Arbeit des Wunsches war.
• Bei der mühseligen Wallfahrt der Menschheit auf den Pfaden
der Gesittung ist der Wunsch ihr freundlicher, treuer ,guter Ge-
selle'. Aber er mag nicht die Wege ebnen, die Ströme überbrücken
helfen; frei fliegt er den Pilgern voran, durchmisst mit raschem Flü-
gelschlage die unendliche Bahn und besetzt eine von den höchsten
Höhen, die in weiter Ferne den Horizont begrenzen. Er mag sich
nicht mit Knechtesarbeit befassen; wie ein König thront er hoch
oben auf seinem Wolkensitze, vom Morgenrot des erträumten, aller-
schönsten Tages beleuchtet. Er weist den Suchenden ihr Ziel, und
sein Anblick gibt ihnen Kraft, auszuharren unter den Beschwerden
des Weges, im Kampfe mit dem Nebeldunst und der Finsternis des
Thaies; eine wunderbare, geheimnisvoll zwingende Gewalt ist ihm
eigen, dass sie ihre Augen von ihm nicht wenden können und alles
Ungemach willig ertragen, wenn sie sich ihm nur auf wenige Schritte
genähert haben.
Mythus und Märchen. 3
Aber ,ain rechten Ort, zur rechten Stunde* — das ist das Er-
fordernis eines welthistorischen Wunsches. Sonst sind die Geister
ihm nicht unterthan, er hat keine Wunderkraft; er fällt, kaum ent-
standen, flügellahm zu Boden, und die Ereignisse ziehen achtlos
Ober ihn hinweg. Lasst uns sehen, in wiefern dieses Erfordernis
jener so seltsamen und doch so reizvollen Erscheinungsform des
menschlichen Wunsches — der attischen Märchenkomödie eigen war.
Wie doch das Leben so wunderschön sei — nach diesem Gedan-
ken würden wir bei den Alten vergebens fehnden. Ganz anders ur-
teilt über das Menschenlos jener hellenische Dichter, der doch nach
dem Urteile seiner Zeitgenossen glücklich zu nennen war, da er nach
einem langen Leben schön gestorben ist, ohne dass ihm je ein Leid
widerfahren wäre — Sophokles. In Bekümmernis verzehrt sich die
Jugend, Neid und Hass, Aufruhr und Kampf bringt das Mannes-
alter, kraftlos und freudeleer schleppt der Greis sein Leben hin —
wahrlich, nie geboren zu werden^ ist weit das heste^ doch wenn du
lebst^ ist das zweite^ dich schnell dahin tvieder zu wenden^ woher
du harnest.
Also durch den Tod das Leben zu beschliessen? Also sind die
Toten glucklicher? Der frühverstorbene Achilleus, der in der Un-
terwelt hochgeehrt als König der Schatten weilt, wünscht sich auf
die Oberwelt zurück, auch wenn er als Lohnknecht eines bedürftigen
Mannes sein Brod zu verdienen hätte \) ; und diese Auffassung des
Lebens nach dem Tode hat sich im Bewusstsein des griechischen
Volkes mit grosser Zähigkeit bis auf den heutigen Tag erhalten.
Vergebens erzählten die Priester der eleusinischen Demeter vom ewig
heiteren Fortleben der selig Verstorbenen, die beim Scheine einer
viel schöneren Sonne auf blumenreicher Wiese ihre Festreigen auf-
führen ^); vergebens lehrten die Philosophen, dass der Geist, von
den irdischen Banden befreit, allsehend und allwissend einer göttli-
chen Macht teilhaftig werde; vergebens erneute das Christentum die
trostreichen Vorstellungen der eleusinischen Religion. Dem Griechen
A) Hom. Od. XI, 489 ff. ^) Arist. Fr. 448 ff.
1*
4 Mythus und MIeghen.
ist das Jenseits noch immer ein Ort, wo mcm zum BeigerUanz nicht
geht und keine Hochzeit feiert, wo die Mädchen wandeln ohne
Schmucky die Burschen ohne Waffen, die armen kleinen Kinder
gar entbehren selbst des Hemdchens ^).
Hier wie dort sind die Menschen von jeder Gläckseligkeit aus-
geschlossen; diese haben die Götter sich selbst Yorbehalten. Sie thro-
nen allzeit sicher auf der Höhe des Olympos, die weder von Winden
umweht, noch vom Eegen benetzt, noch vom Schnee umschauert
wird, sondern von hellem Tagesglanz umgeben in den wolkenlosen
Himmel hineinragt ^.
So viel sagte dem Hellenen seine Religion. Aber ist denn — so
mochte er sich fragen — die Scheidewand zwischen Menschenelend
und Götterseligkeit wirklich unverrückbar? Sein Wunsch wünschte
die Scheidewand hinweg, die Phantasie entfernte sie — und hier
berührt sich der Mythus mit des Wunsches erstgeborener Tochter,
dem Märchen. Jetzt zwar — so lautete die Antwort — wird das
höchste Olflck den Sterblichen nicht zu teil ; aber was jetzt nicht
ist, das kann doch gewesen sein; in der That, es war — es war
einmal...
Es war einmal die Zeit, wo Kronos das Scepter führte und die
Menschen, fern von Mühsal und Sorge, wie Götter lebten. Nicht be-
schlich sie das kraftlose Greisenalter; bei Festschmäusen und Bei-
gentänzen verdehnten sie ihre Jugend und starben dann, wie von
süssem Schlafe bewältigt. Alles Gute brachte ihnen freiwillig die
spelttragende Flur % nicht Aehren, sondern fertiges Brod % und
die Flüsse strömten Milch, Wein und Honig ^). Und Dike, die Spen-
derin des Eechtes, war in Ansehen ®); Weihrauch und Honig opferte
man den unsterblichen Göttern, nicht aber wurde der Altar von
Stierblut benetzt; nein, das war das höchste Greuel den damaligen
Menschen, den Tieren das Leben zu rauben und ihre Glieder zu ver-
zehren ^).
,Wahrlich, die Tiere führten damals ein gutes Leben!' — doch
rührt dieser Gedanke nicht von Empedokles her, dessen Worte ich
1) B. Schmidt, griechische Märchen etc. S. 175. ^) Hom. Od. VI, 41 ff.
3) Hes. W. u. T. 108 ff. *) Luc. Sat. 7. ^) Luc. ep. Sat. I, 20. «) Arat. Phaen.
111 f. ») Empedocl. V. 305 ff. St.
Die Marchsnkohödie. 5
soeben anführte; er entstami&t der Komödie, und zwar der attischen
Märchenkomödie. *
So unbarmherzig auch die Zeit mit den Schätzen der antiken
Poesie geschaltet hat, so hat sie uns doch von der komischen Lit-
teratur soviel zurückgelassen, dass wir uns wenigstens von den
verschiedenen Strömungen innerhalb der altgriechischen Komödie
einen Begriff zu bilden imstande sind. Sowie uns der ,Amphitruo*
des Plautus einerseits und die übrigen römischen Komödien andrer-
seits eine genügende Vorstellung geben von den beiden Hauptrich-
tungen der dorischen Komödie — der mythologischen und der so-
zialen Richtung — ebenso sind in den erhaltenen Dramen des Ari-
stophanes die beiden ionischen Hauptrichtungen vertreten, die politi-
sche Komödie und die Märchenkomödie. Diese allerdings nur durch
ein Stück, dafür aber durch das schönste — die ,Vögel*. Aber auch
die mythologische Komödie ist uns nur durch ein Stück bekannt,
den ,Amphitruo'; man könnte fragen, wie es denn komme, dass —
während die mythologische Komödie als Gattung längst anerkannt
ist — die Märchenkomödie sich so lange verborgen halten konnte.
Der Grund ist folgender. Für die mythologische Komödie haben
wir dreierlei Quellen, nämlich — ausser dem genannten , Amphitruo^
und den zahlreichen, wenn auch unbedeutenden Titeln und Bruch-
stücken der verlorenen Dramen — den ganzen Mythenschatz des grie-
chischen Altertums, welchen die Gelehrten jener Zeit höchst liebe-
voll und sorgfaltig gesammelt haben. Für die Märchenkomödie ha-
ben wir die , Vögel', auch ist, wie wir sehen werden, an Titeln und
Bruchstücken kein Mangel; dagegen fehlt es vollkommen an einer
altgriechischen Märchensammlung. Die alten Grammatiker legten
dem Märchenschatz ihres Volkes eben keinen Wert bei; die Pflege
desselben überliessen sie xien alten Frauen, namentlich den Ammen.
Diese haben sich aber dafQr ihrer Aufgabe um so gewissenhafter
angenommen; und während die antike Mythologie durch den un
widerstehlichen Anprall der neuen Ideen von Grund aus zerstört
ist, hat das Märchen seine bescheidene Existenz unbehelligt weiter-
geführt, bis nach zweitausendjährigem Schlummer au€h dieses Dorn-
6 MiRCHENBEZÜOE.
röschen durch eine wackere Schaar von Geistesrittern dem Sonnen-
lichte und der Wissenschaft wiedergewonnen wurde. Gegenwärtig
hindert uns nichts mehr, aus der zwar getrübten, aber reichlichen
Quelle der neugriechischen Volksmärchen zu schöpfen.
Was wir dabei gewinnen, mögen zunächst zwei kleine Beispiele
zeigen.
In den ,ßittern' streiten Kleon und der Wursthändler um den
Preis der Schamlosigkeit und Gemeinheit. Der Wursthändler ist um
den Sieg unbesorgt; was hätte ihm auch seine so hoffnungsvolle Ju-
gend genützt, wo er die Brotkrumen ass, die von den Speisenden
zum Abwischen der Finger verwandt und dann weggeworfen wur-
den. Kleon ruft aus
Gebrauchte Krumen, wie ein Hund? Wie magst du nun, Verwegner,
Der selber Hundefutter frass, mit einem Hundskopf streiten? ^)
Was ist das für ein Hundskopf? Nach dem Scboliasten ist es
ein bösartiges Tier, nach Pliniusf) ein Affe, und zwar ein besonders
bissiger. Recht gut; weshalb darf nun der Wursthändler, da er
Hundefutter gegessen, mit diesem Affen nicht kämpfen? T. Kock
übersetzt: dUy wie ein Hund aufgezogen^ willst mit dem Hunds-
haupte streiten? also wohl mit Annahme des Doppelsinnes ,dem
Kopfe des Hundes' und ,dem Haupte der Hunde' — einer Annahme,
die deswegen unzulässig ist, weil der griechische Ausdruck nur das
erstere bedeuten kann. Die schriftliche Ueberlieferung lässt uns also
im Stich; fragen wir einmal die mündliche, das neugriechische
Volksmärchen, wer der Kuvoxe^paXXo^ , oder vielmehr — da für
x6(ov das neugriechische Wort ax6Xo^ lautet — der SxuXoxe^aXXo;
ist. Das Märchen erzählt:
Es war einmal eine alte Frau, die hatte drei Töchter. Zu ihr
kam ein Hundskopf und bat um ihre älteste Tochter für seinen älte-
*) V. 415 aTcopiaYBaXta? (ucTTcep xucov; w TuapLTro'vvjpe, tüw; ouv
xuvo; ßopav (XiTOupiEvo; jJiayeT du Kuvoxe^aXXw :
2) N, H. 8, 547 80.
Der Hündskopf. 7
sten Sohn. Die war damit einverstanden; er führte das Mädchen in
seine Höhle und gab ihr Ohren, Nasen und andere Knochen zu
essen; da sie es nicht that, fi'ass er sie selber auf, ging wieder zur
Alten und bat um ihre zweite Tochter für seinen zweiten Sohn. Der
ging es ebenso, und er bat um die jüngste für seinen jüngsten Sohn.
Diese ass das vorgelegte Futter zwar nicht auf, redete ihm aber ein,
dass sie es gegessen hätte, und er sagte ihr ,du bist die rechte, du
bist für mich' (1).
Das Märchen gibt uns, was es geben kann. Die Gestalt des
Hundskopfs ist nebelhaft, wie alles Gespenstische. Wo kommt er
her? Was hat ihn hergerufen? wenn man das alles wüsste, würde er
nicht halb so grausig wirken. Aber wir wissen doch genau, woran
die Griechen dachten, als sie die angeführten Verse des Aristophanes
hörten. Der Hundskopf, das greuliche Ungetüm mit menschlichem
Körper und dem Kopfe eines Hundes war der gefflrchtete Wauwau
des griechischen Volksglaubens, der die ungehorsamen Kinder holte
und frass, gerade so wie Kleon, nach der Meinung seiner Gegner,
manchen reichen Bürger, dessen Physiognomie ihm nicht gefiel, mit
Haut und Haaren verschlungen: hatte. Somit hat Aristophanes diese
Gestalt nicht aus den Berichten weitgereister Schriftsteller geschöpft,
die dem grössten Teile seines Publikums doch unzugänglich waren,
sondern aus einer Quelle, die allen Zuschauern gleich freigebig
floss, aus der Märchenpoesie seines Volkes.
Nun gut; ist dadurch die spöttische Phrase rfw, mit Hundefutter
grossgenährt, wülst mit dem Hundskopf streiten? für uns verständ-
lich geworden? Allerdings; doch müssen wir das Märchen etwas ge-
nauer beträchten. Der Hundskopf gibt seiner Gefangenen Ohren,
Nasen etc. zu essen, also Hundefutter — denn Hunde und Raben
sind die lebendigen Gräber unverscharrter Leichen. Wollte das Mäd-
chen sich entschliessen, dieses Hundefutter zu essen, so würde sie
der Hundskopf — gemäss dem Volksglauben, dass gleiches Futter
assimiliert — zu seines Gleichen gemacht haben, und sie dürfte mit
ihm nicht streiten; dieses Ziel glaubt er bei der jüngsten Schwester
(1) Mit den eingeklammerten Ziffern wird auf die Anmerkungen hinter dem
Text verwiesen.
8 MlRCHENBEZÜeE.
erreicht zu haben, darum sagt er ihr auch: du bist für mich, meine
mir treu ergebene Magd. Denselben Sinn haben auch die Worte, die
Kleon an den Wursthändler richtet. Wem diese Erklärung ge-
zwungen vorkommt, der möge überlegen, dass uns zu einem zwang-
losen Verständnis etwas sehr Wichtiges fehlt — der Glaube an die
in Bede stehende Märchengestalt, oder doch die unmittelbare An-
schauung derselben.
Sich mit Hundsköpfen und anderen Spukgebilden des Volks-
glaubens verglichen zu sehen — daran musste Eleon nachgerade
gewöhnt sein. Unser Dichter — einer von den vielen Quälgeistern,
deren Zorn der mächtige, redliche aber rücksichtslose Demagoge
gegen sich heraufbeschworen hatte — spart auch sonst solche ehren-
rührige Bezeichnungen nicht: in den , Wespen* lässt er ihn unter
der durchsichtigen Maske eines diebischen Hundes auftreten, anders-
wo nennt er ihn den ,zähnefletschenden* (xapj^apoSoug), die Lamia,
die Charybdis etc. ^) (2).
Nun das zweite Beispiel* In den ,Wespen* beklagt sich Kleobold,
ein Spassvogel hätte ihn einmal schön angeführt:
da ich eine Drachme zusammen mit ihm
Bekam, so gingen wir umzuwechseln auf den Markt;
Da drückt' er mir denn dc^ Schuppen von einem Barsch in die Hand;
Da mein' ich, er giht mir Oholen, und in den Mund damit;
Da wird mir übel von dem Geruch, ich spucke sie aus;'
Da zeig ich ihn an, —
Hassklron
Und er, was sagt er drauf?
Kleobold
Ja, was?
Von einem Hahne, sagt er, müsse mein Magen sein;
So schnell verdaust du Silber, sagt er; damit war's aus! *)
Der Spassvogel gab also vor Gericht an, er hätte dem Freund
Kleobold die drei Obolen redlich abgegeben, der aber hätte sie auf
der Stelle verschluckt. Was meint er aber damit, wenn er sagt,
Kleobold müsse einen Hahnenmagen haben, dass er Geldstücke ver-
dauen könne? Offenbar — so müssen wir uns auf Grund dieser
1) Ar. Wesp. 1031 ff., Ritt. 248. «) V. 788 ff nach G. Deoysen.
Der Goldhahn. 9
Stelle die Sache zureehtlegen — war unter dem griechischen Volk
die Meinung verbreitet, dass der Hahn sich mit Vorliebe von
Geldstacken nähre. Aber das ist nichts als eine Yermutung; wir
wflnschten gern eine Bestätigung, ein ausdrflckliches Zeugnis —
und hier versagt die schriftliche Ueberlieferung wiederum.
Das Märchen dagegen weiss folgendes zu berichten :
Es war einmal eine alte Frau und ein alter Mann (3), die hatten
einen Hahn und ein Huhn. Bei der Teilung bekam der Alte den
Hahn, die Alte das Huhn. Das Huhn legte Eier; der Alte wollte
auch davon haben, die Alte meinte aber: ,Dein Hahn kann dir
welche legen ^ Da schickte der Alte den Hahn nach Eiern ; der Hahn
kam an des Königs Hof und benahm sich so ungezogen, dass der
König dem Diener befahl : ,Nimm ihn und wirf ihn in das grosse
Gewölbe, wo die grossen Goldstücke sind, damit er davon fresse und
daran ersticke'. Der Hahn frass, bis er nicht mehr konnte, stellte
sich tot und liess sich hinauswerfen. Dann ging er zum Alten zu-
rück und sagte: ,Hänge mich und schüttle mich, damit du siehst,
was für schöne Sachen ich dir mitgebracht habe' (4).
Doch das sind Kleinigkeiten, die nur das eine darthun sollen,
dass die Kenntnis des griechischen Märchenscbatzes ein unverächt-
liebes Hilfsmittel ist für das Verständnis selbst der politischen Ko-
mödie Athens. Fassen wir nun ausschliesslich die Märchenkomödie
ins Auge. Da uns nur eine Vertreterin dieser Gattung erhalten ist,
— die ,Vttgel' des Aristoplumes — haben wir billigerweise von
ihr auszugehen.
Die Helden der Komödie sind zwei Athener, Peithetairos und
Euelpides, Eatefreund und Hoffegut. In der Heimat ist es ihnen
schlecht ergangen ; das Blutsaugervolk der Sykophanten hat ihnen
ihr ganzes Verinögen weggenommen; sie sind fest entschlossen, dem
undankbaren Vaterlande den Rücken zu kehren und eine friedliche
Stadt aufzusuchen, recht wie ein weiches Federbett zur Ruhe einla-
dend. Auch soll es eine solche Stadt geben, wo die Teilnahme am
Hochzeitschmause des Freundes für die grösste Anstrengung gilt,
die einem Menschen zugemutet werden kann; aber wo ist sie zu fin-
1 Aribtophanes.
den? Die Menschen wissen nichts von ihr; ja, wer die Vögel fragen
könnte!. . . Nun, und warum nicht? Vor alten Zeiten lebte in Athen
ein König, der hiess Pandion; seine Tochter Prokne freite ein thra-
kischer König, Tereus, der später in einen Wiedehopf verwandelt
wurde, sowie seine Gattin in eine Nachtigall. Somit ist der Wiede-
hopf der verwunschene Schwager der Athener, und es ist zu er-
warten, dass er in der neuen Gestalt sein Griechisch nicht vergessen
haben wird. So hat denn die Eeise ein Ziel: man will zunächst den
Wiedehopf aufsuchen und an seine verwandtschaftliche Liebe appel-
lieren. Aber wie findet man den Wiedehopf? Da muss der Vogelhänd-
ler Rat schaffen. Dieser überlässt für Geld und gute Worte den bei-
den Abenteurern zwei sichere Führer, eine Krähe und eine Dohle;
es wird ihnen in der Vogelsprache, die der Vogelhändler ja kennen
rauss, der bestimmte Auftrag gegeben, die zwei Freunde bis vor das
Haus des Schwagers Wiedehopf zji führen ; und nach einer mühseli-
gen Wanderung über wüste, steinige Bergeshalden ist das Reiseziel
erreicht.
Man begrflsst sich mit etwas gemischten Empfindungen ; Schwa-
ger Wiedehopf sieht wenig vertrauenerweckend aus. Bald aber wird
der Ton herzlicher, und wie der Wiedehopf hört, dass die Ankömm-
linge aus Athen sind, ist er gern zu dienen bereit. Die selige Stadt,
nach welcher die Freunde sich sehnen, liegt am Roten Meere; die
erste Aufgabe wäre somit glücklich gelöst, und man könnte getrost
aufbrechen. Aber jetzt sind die Freunde anderen Sinnes geworden;
unbeschadet aller Vorzüge der seligen Stadt am Roten Meere ist
das schönste Leben doch dasjenige, welches Schwager Wiedehopf
führt. Könnte man nicht ebenfalls das menschliche Dasein mit dem
gefiederten vertauschen? — Warum nicht? es gibt eine Wurzel;
wer die verspeist, dem wachsen Flügel. — Aber das wäre noch nicht
alles! Die Vögel müssen sich zusammenscharen und oben auf den
Wolken eine grosse Stadt gründen; mitten zwischen' der menschen-
bevölkerten Erde und dem Himmel, dem. Wohnsitz der Götter, gele-
gen, gegen beide Reiche durch eine feste Mauer geschützt, müsste
sie alsbald zu unerhörter Macht gelangen. — Ein prächtiger Ge-
danke! Aber erst müssen die übrigen Vögel ihre Einwilligung geben.
Also lässt Schwager Wiedehopf seinen Heeresruf erschallen ; Schwe-
n
DiB, Vögel'. 11
ster Nachtigall lockt mit, und bald ist das buntgefiederte Volk zur
Stelle. Der ältere von den Athenern legt seinen Plan dar; jauchzend
stinmien die Vögel zu, und Peithetairos ist ihr König.
Nun gilt kein Säumen; der Luftraum wird ummauert. Libysche
Kraniche schleppen die Grundsteine herbei, die sie als Ballast für
ihre Luftschiffahrt verschluckt haben. Alsdann wird oben in der
Luft eine Ziegelei errichtet, in welcher die Störche mit der Zuberei-
tung der Ziegel beschäftigt werden; Reiher besorgen mit Hilfe der
Gänse den Lehm, Regenpfeifer und andere Wasservögel schaffen das
Wasser herbei. Au%eschürzte Enten schichten die Ziegelsteine auf,
Schwalben liefern den Mörtel — und in kürzester Frist ist die
Mauer fertig. Aber- die Thore, die Bastionstreppen? Diese beschaffen
die gewiegtesten Zimmermeister, die breitschnäbligen Pelikane —
und so erhebt sich, hundert Klaftern hoch und breit wie eine Fahr-
strasse, die Mauer von Wölkenkuckucksheim, ein drohender Anblick
für Götter und für Menschen. Die letzteren stellen sich alsbald in
ein freundliches Verhältnis zur neuen Grossmacht; die Götter ver-
suchen Widerstand. Flugs wird der Opferdampf abgesperrt; im Him-
mel bricht Hungersnot aus, Zeus muss sich bequemen, an König
Peithetairos Gesandte abzuschicken. Ehe diese ankommen, meldet
sieh in Wolkenkuckucksheim ein Freund aus dem feindlichen La-
ger: Prometheus. Wenn die Gesandten ankommen, sagt er zu Pßi-
thetairos, so verlange zweierlei : erstens die Weltherrschaft des Zeus,
und zweitens seine schöne Tochter Basileia zur Frau. Peithetairos
handelt darnach; sein Verlangen wird nach langem Sträuben ge-
währt. Er begibt sich in den Himmel und kehrt bald, den Donner-
keil schwingend, mit seiner schönen Braut Basileia in sein Reich
zurück, wo er mit vieler Pracht seine Hochzeit feiert.
Das ist der Inhalt unserer Komödie — allerdings nicht der
ganze Inhalt. Der Dichter hat einzelne Episoden in die Märchen-
htmdlung eingeflochten, die an sich recht spasshaft sind, aber nichts
Märchenhaftes haben ; so wenn er den frostigen Poeten Kinesias nach
Wolkenkuckucksheim kommen lässt, wenn an der Gesandtschaft sei-
tens der Götter der gefirässige Herakles und der bornierte Barbaren-
gott Triballos teilnehmen. Wir durften beim Herausschälen des Mär-
chengehaltes unserer Komödie diese rein komischen Züge ignorieren.
1 2 Abistophanes.
Da verlangte aber auch die Consequenz, dass wir einen gewissen po-
litisch-komischen Zug aussonderten, der allein die beiden Hälften
der Märchenhandlung mit einander verband, so dass diese jetzt in
zwei haarscharf getrennte Einzelmärchen zerfallen ist.
Dem aufmerksamen Leser wird die schreiende Inconsequenz der
oben dargelegten Handlung nicht entgangen sein. Die Freunde wol-
len ja die selige Stadt suchen; nach vielen Beschwerden er&hren sie
endlich, wo sie liegt; statt aber hin zu ziehen, bleiben sie, wo sie
sind, so dass diese selige Stadt, der Hittelpunkt des Interesses für
den ersten Teil, im zw^eiten Teil spurlos verschwindet. Das ist wider
die Gesetze des Märchens, aber ganz im Geiste der Komödie, Die
Stadt liegt ja am Roten Meer — das ist recht ungemütlich! Wo das
Meer ist, da ist auch Athen, da ist man keinen Augenblick vor der
Salaminia sicher, dem geffirchteten Staatsschiff des attischen Volkes;
man wacht eines schönen Morgens auf — da steht plötzlich die teuere
Botin aus der Heimat im Hafen, ein strammer Gerichtsdiener steigt
ans Laud und bringt den beiden Ausreissern eine Vorladung, am
so- und sovielten sich pünktlich in Athen einzufinden, widrigen-
falls... Nein, es ist doch nichts mit der seligen Stadt; da bleibt man
lieber, wo man ist.
Wie gesagt, vom Standpunkte der Komödie ist diese Motivie-
rung mehr als befriedigend; aber darum bleibt doch wahr, dass die
beiden Märchen, welche durch sie zusaiümengelötet wurden, ursprüng-
lich mit einander nichts zu thun haben. Betrachten wir jedes von
ihnen gesondert.
Erstes Märchen: der Tierschwager.
Zuvor ein paar Worte zur Methode. Es muss hier auf eine in-
ternationale Eigentümlichkeit der Märchenkomposition hingewiesen
werden, die zu häufig vorkommt, als dass man sie nicht hätte be-
merken sollen, die aber trotzdem — oder vielleicht eben deshalb
nicht genauer untersucht worden ist, wenigstens meines Wissens noch
nicht. Sollte sich's herausstellen, dass sie einen Namen schon hat,
so will ich den meinigen gern zurückziehen; bis dahin will ich sie
Trigemination nennen. Schneewittchen ist zu den Zwergen geflohen;
Die , Vögel*. 13
die Stiefmutter will sie aus der Welt schaffen, sie bringt ihr einen
vergifteten Schnürriemen, aber der Anschlag misslingt. Zum zwei-
ten einen vergifteten Kamm ; der Anschlag misslingt wieder. Zum
dritten einen vergifteten Apfel, und diesmal gelingt er. Für die Ent-
wickelung der Handlung ist nur dieser dritte Anschlag von Bedeu-
tung; das Märchen setzt ihn dreimal, es trigeminiert ihn, um die
Spannung zu erhöhen. Das Eunstmittel ist so häufig, daas es kaum
ein Märchen gibt, in dem es nicht vorkäme. Dreimal tanzt Aschen-
puttel auf dem Feste des Königs, drei Nächte wacht der Lümmel,
der das Gruseln lernen will, im verzauberten Schlosse, dreimal
kommt Eumpelstilzchen zur Königin — das alles sind Trigemina-
tionen. Aber sie sind der epischen Erzählungsweise eigentümlich,
im Drama wirken sie ermüdend; davon kann sich jeder überzeugen,
wenn er den ,Kaufmann von Venedig* liest. Würden wir dem Dich-
ter nicht Dank wisson, wenn er die Scene mit den Kästchen der Por-
cia lieber nur einmal gesetzt hätte?
Der dramatische Dichter wird also in den meisten Fällen gut
thun, wenn er die Trigemination, die das Märchen ihm bietet, wieder
aufhebt. Und nun kehren wir zum Tierschwager zurück.
Es war einmal ein König — erzählt ein neugriechisches Mär-
chen — der hatte drei Söhne und drei Töchter; als er starb, trug
er den Söhnen auf, erst die Schwestern zu verehelichen und dann
sich selbst. Als Freier der ältesten Schwester meldet sich ein Löwe;
da sein Reich zu weit entfernt ist. wollen "die älteren Söhne die
Schwester nicht geben; der jüngste setzt es aber durch, dass der Löwe
sie heimführt. Ebenso freit ein Tiger die zweite, ein Adler die dritte
Schwester. Nun vermählt sich der jüngste Sohn mit einer Reraide;
diese entflieht aber und sagt ihm, er solle sie auf den ,Ilinen Bili-
nen Alamalakusen mit den Marmorbergen und den Krystallfeldem'
suchen. Wo die liegen, weiss kein Mensch; er macht sich also auf
zum Schwager Löwen, der ruft alle Tiere zusammen, aber von ihnen
weiss es keines. So geht er denn weiter zum Schwager Tiger^ der
ruft gleichfalls alle Tiere zusammen, aber vergebens. Nun wandert er
zum Schwager Adler, der ruft alle Vögel zusammen ; es kommt unter
anderen auch ein lahmer Habicht, der weiss Bescheid und fahrt
den Königssohn zur phantastischen Stadt, wo er seine Neraide findet.
1 4 Aristophanes.
Nun ist es klar, dass die drei Brüder, die drei Schi^estern, die
drei Schwäger und die drei Tierversammlungeu simple Trigeminatio-
nen sind, die der dramatische Dichter auslassen musste. Dafür
brauchte er aber einen Begleiter seines Helden, um auf der einsa-
men Wanderung einen Dialog zu ermöglichen; diesem Bedflrftiiss
verdankt Euelpides seine Entstehung. Der Königssohn wurde zu ei-
nem Bürger — eine Degradierung, die in den Märchen selbst auf
Schritt und Tritt nachzuweisen ist. Schmerzlicher vermissen wir die
Neraide; aber da die Brautwerbung des Peithetairos im zweiten
Märchen stattfinden sollte, so musste die Heldin des ersten ge-
strichen werden. Der Tereusmythus bot die willkommene Handhabe,
den Schwager Adler in den Schwager Wiedehopf zu verwandeln; der
Dichter entnahm diesem Mythus, was er gerade brauchte ; der Schuld
des Tereus, die sein Verhältnis zu den Schwägern notwendig
trüben musste, geschieht keine Erwähnung, der Wiedehopf spielt
durchaus dieselbe Bolle, wie der Adler im neugriechischen Märchen,
der — nach neapolitaner und sicilianer Varianten — gleichfalls ein
verwunschener König ist. Es bleibt also die hauptsächliche Ueber-
einstimmung — der Held hat eine Schwester, die an einen Vogel
verheiratet ist; der Held möchte nach einer phantastischen Stadt
ziehen, über deren Lage ihn kein Mensch aufklären kann; er erfährt
sie von seinem Schwager, der eine Versammlung aller Vögel einbe-
ruft (5).
Nun wollen wir noch einige kleinere Märchenzüge betrachten.
Eine j^rähe und eine Dohle dienen unseren Helden als Führer; so
führt auch in dem neugriechischen Märchen der lahme Habicht den
Königssohn nach der Wunderstadt; und dass die Krähen nament-
lich für wissend galten, sehen wir aus einem anderen neugriechi-
schen Märchen, wo eine Krähe ganz allein sich erbietet, das Wasser
des Lebens zu holen (6). Schwager Wiedehopf hat nicht nur die
Kenntnis seiner Muttersprache in der Verwandlung bewahrt, son-
dern er hat dieselbe auch den übrigen Vögeln beigebracht; das ist
freilich nur ein Scherz, den die dramatische Aufführung nötig
machte, die Märchenhelden pflegen sonst, wie schon der althelleni-
sche Melampus, die Sprache der Vögel zu lernen (7). Die selige
Stadt liegt am Boten Meere ; das Bote Meer ist eben das Wunder-
1
Die ,Vögbl'. 15
meer des antiken Volksglaubens. Du tmrst als Adler König der
ganzen Erde sein! schmeichelt Kleon dem attischen Volke *); und
des Roten Meeres dazu! ergänzt sein Rival, der WursthäDdler(8).
Der Wiedehopf beruft die Vögel zu ei.ner Versammlung; ebenso
macht es im obigen Märchen der Adler, in einem andern eine Kö-
nigstochter, die zugleich Königin der Vögel ist, in einem dritten
eine Zauberin.
Zweites Märchen: Tierkönigs Brautwerbung.
Den üebergang des ersten Märchens zum zweiten bildet die Me-
tamorphose des Peithetairos. Der Wiedehopf gibt ihm eine Wurzel
zu kauen ; sofort wird er aus einem Menschen zu einem Vogel. Das
erinnert gleich an jenes Zaubermittel der Kirke,. mit dem sie die
Gefährten des Odysseus in Säue verwandelt; ein Zaubermittel, dem
niemand widerstehen kann, der es nur über das Gehege seiner Zähne
gebracht hat^). Ebenso wird Glaukos durch den Genuss eines Krau-
tes zu einem fischleibigen Meergott ^) (9).
Somit ist Peithetairos zu einem Vogel geworden, und zwar ver-
ehren die Vögel in ihm ihren König. Das ist die Situation an dem
Punkte, wo das zweite Märchen einsetzt. Auch äusserlich sind die
beiden Märchen in der Komödie getrennt; mitten zwischen ihnen
steht die grosse Ruhepause der dramatischen Handlung, die Para-
base.
Ehe wir zum zweiten Märchen übergehen, muss eine weitere
Eigentümlichkeit der Märchenpoesie hervorgehoben werden. So auf-
fallend die oft wörtlichen Debereinstimmungen sind bei Märchen,
deren Erzähler durch eine Kluft von mehreren Tausenden von Jah-
ren und von Meilen geschieden sind, so gleichgiltig ist die Märchen-
poesie gegen ihre Gestalten. Dem Hundskopf, dem Drachen, dem
Bären, dem Sonnengott, dem Sturmwind werden in verschiedenen
Märchen dieselben Eollen zugeteilt; dem Wolf in dem einen Märchen
entspricht der Goldwidder in dem anderen, das Buckelpferdchen in
dem dritten, der Plammenvogel in dem vierten. Es darf uns daher
») Ritt. 1087. 2) Hom. Od. X, 327. ») Ov. Met. XIII, 943 ff.
1 6 Abistophanis.
nicht wundern, wenn wir unseren König der Vögel im neugriechi-
schen Märchen als König der Krebse wiederfinden.
Der König der Krebse schickt zum mächtigen Könige des Landes
einen Werber und begehrt die Königstochter zur Frau. Der König
hat nichts dagegen, will aber erst die Macht des Freiers kennen ler-
nen; er lässt ihm also sagen, er wünsche am nächsten Morgen eine
Brücke zu sehen ganz aus Perlen und Edelsteinen von seinem Pa-
last bis zum Palast des Bräutigams ; wie das geschehen ist, verlangt
er einen Garten vor seinem Schlosse mit Quellen, die (lold, Brillan-
ten und Diamanten rieseln ; und zum dritten eine Mauer vor seinem
Schlosse, viel höher als dieses letztere. Nun erst gibt er seine Ein-
willigung, und der Tierkönig fuhrt die Braut heim (10).
Auch hier haben wir eine offenbare Trigemination,- zweimal
zieht der König sein Wort zurück, erst zum dritten Male halt er es.
Heben wir die Trigemination auf, so reducirt sich das Märchen auf
die einfache Fassimg: der Tierkönig baut eine höhe Mauer; in Folge
dessen gibt ihm der König seine Tochter zur Gattin.
Und das sind gerade die beiden Züge, die in der zweiten Hälfte
•
der ,Vögel' die Brennpunkte des Interesses bilden. Der Tierkönig
Peithetairos freit die Tochter des Götterkönigs Zeus; er erhält sie,
indem er die hohe Mauer baut, welche den Zugang zum Olymp
sperrt. An diesen beiden Zügen hat die Komödie nichts geändert;
sie ist der Märchenüberlieferung treu geblieben selbst zu ihrem
Schaden, denn nach den Verheissungen im ersten Teile erwarten wir
den Bau einer Stadt, nicht einer blosen Mauer. Aber freilich hat die
Komödie mehreres hinzugefügt, vor allem den köstlichen Zug, dass
die Götter durch die vorgebaute Mauer ausgehungert werden, bis
der anfangs widerspenstige Zeus nachgiebig wird. Dadurch hat zu-
gleich der Mauerbau ein selbständiges Interesse gewonnen, indem er
nicht auf .den Auftrag des Zeus ausgeführt wird und nicht einzig
den Zweck hat, die Braut Basileia erringen zu helfen. Im neugrie-
chischen Märchen werden die Aufgaben durch blose Wunschkraft
gelöst; bei Aristophanes wird die Mauer von den Vögeln gebaut.
Das ist zweifelsohne eine sehr glückliche Neuerung, wenn es über-
haupt eine Neuerung ist; denn der Zug, dass Tiere eine Arbeit ver-
richten, ist in den Märchen nicht gerade selten (11). Die Götterge-
Die ,VöOEi/. 17
sandtscliaft gehört voll und ganz der Komödie an, da sie als die
Folge der Qötteraushungerung erscheint; im Märchen hatte sie kei-
nen Platz. Ebenso die Person des Prometheus^ der den Peithetairos
von der Existenz der Jungfrau unterrichtet und ihm den Rat gibt,
sie zum Weibe zu verlangen; doch ist seine Bolle durchaus mär-
chenhaft, der freundliche Warner und Berater ist auch im neugrie-
chischen Märchen sehr häufig (12).
Die Hochzeit des Peithetairos mit der Zeustochter Basileia gibt
unserer Komödie jenen festlichen, fröhlichen Abschluss, der bei den
echten Märchen so beliebt ist.
Der Name ,Basileia' ist aus neugriechischen Märchen noch nicht
nachgemesen; trotzdem ist es sehr wahrscheinlich, dass er nicht von
Aristophanes — oder vielmehr Kratinos, bei dem er ebenfalls vor-
kommt ^) — erfunden, sondern dem Märchen entnommen ist (1 3). Dafür
spricht schon die Bedeutung des Wortes ,Ba•sileia^ Nicht die Welt-
herrschaft des Zeus wird zu einer schönen Jungfrau personifi-
ciert ^) — Peithetairos fordert ja das Scepter, das Symbol der
Weltherrschaft, und die Basileia; also hat er sie als eine Gestalt
empfunden, nicht als einen Begriff.
Dies meine ,Deutung' der Komödie. In ihr war weder von der
sicilischen Expedition, noch vom Hermokopidenprocess die Rede; ich
fürchte also, sie wird denjenigen, welche unseren Peithetairos für
eine Hypostase des Gorgias halten, ebenso wenig willkommen sein,
wie denjenigen, die in dieser Gestalt ein Apotypom des Alkibiades
erblicken ; denjenigen, die den Dichter — Avegen der Götteraushun-
gerung — zu einem Verächter der heimischen Religion stempeln,
ebenso wenig, wie denjenigen, die ihn — wegen des ,versöhnenden*
Donnerpreisliedes am Schluss — für ein frommes Gemüt erklären;
denjenigen, die ihn für einen begeisterten Lobsänger der sicilischen
Expedition halten, ebenso wenig wie denjenigen, die ihn den Leicht-
sinn seiner Landsgenossen aufs herbste verspotten lassen. Allen
diesen ,Deutern* möchte ich das gute Wort F. T. Vischers empfoh-
len sein lassen:
1) fgm. 393 K. 2) so Kook.
18 Aristophanes. ,Eirenf/.
Erspart euch, ihr Guten, die Mühe; der Sinn,
Er ist nicht dahinter, er ist darin.
Nach meiner TJeberzeugung braucht man zum Yerständnis der
, Vögel' von der Zeitgeschichte weiter nichts zu kennen, als das Ge-
setz des Syrakosios, das die Freiheit des persönlichen Spottes ein-
schränkte; und auch dieses nur in soweit, als es uns den Entschluss
des Dichters verständlich macht, statt einer von der Parteileiden-
schaft dictierten politischen Komödie eine harmlose Feerie zu schrei-
ben. Dieselbe steht wohl unter den erhaltenen Stücken des Aristo-
phanes vereinzelt da; nicht also innerhalb seiner ganzen poetischen
Thätigkeit, oder gar in der Geschichte der altattischen Komödie
Oberhaupt — wie wir sogleich sehen wollen.
Was nun zunächst die übrigen erhaltenen Komödien des Aristo-
phanes anbelangt, so dürfen wir — wie die obigen Beispiele gelehrt
haben — ziemlich in allen nach märchenhaften Bezügen suchen (14);
einen ganzen Märchenzug aber, der in die dramatische Hand-
lung hineinverflochten wäre, finden wir nur in einer von ihnen —
der ,Eirene'. Die Fabel dieser sonst durchaus politischen Komödie
hebt damit an, dass der Held einen Käfer nach Hause bringt und
ihn durch reichliche Fütterung zu einem Ungeheuer von riesigen
Dimensionen aufmästet. In griechischen Märchen habe ich freilich
diesen Zug nicht finden können; wohl'aber in den Märchen der Nea-
politaner und Sicilianer, in deren Adern ja auch viel ionisches Blut
fliesst. Da heisst es nun, es wäre einmal ein König gewesen, der
hätte einen Floh gross gezüchtet und ihm dann die Haut abgezogen;
die Freier der Königstochter mussten erraten, von welchem Tier die
Haut sei, oder aber den Kopf verlieren (15).
Sonst finden wir in den ,Fröschen* wohl viele mystische, in
den ,Ächarnern*, ,RitternS ,Wolken' und dem ,Plutos' viele allego-
rische und symbolische Züge, aber durchaus nichts Märchenhaftes.
Rein menschlich sind die ,Wespen', ,Tliesmophoriazusen' und ,Ek-
klesiazusenS allzu menschlich die »Lysistrate*.
Den verlorenen Stücken des Aristophanes wird innerhalb der
Geschichte der Märchenkomödie .ihre Stelle angewiesen werden; zu
ihr gehen wir hiermit über. Hier ist die Methode eine wesentlich
andere. Bis hierher haben wir die Komödie mit dem Märchen ver-
Maones. Kratinos. 19
glichen; die UebereinstimiDUDg hat sich als bedeutend genug er-
wiesen, um uns das Recht zu geben, nun die Komödie' aus dem
Märchen zu reconstruieren.
Der älteste Dichter der Märchenkomödie ist zugleich der älteste
von den bekannten Dichtern der attischen Komödie überhaupt —
Maglies aus Ikaria. Was Aristophanes zu den Athenern von ihm
sagt/)
Der zuerst für die Chöre, mit denen er stritt,
die Trophaeen des Sieges errichtet,
Da er Klänge von jeglicher Art euch bot,
so Harfen und rauschend Gefieder
Und Lydergesang und Mückengesumm
und Gequak laubfröschiger Masken...
reicht gerade aus, um diese unsere Behauptung zu begründen, ohne
dass wir im Stande wären, über die Stoffe dieses Dichters und die
Art, wie er sie dramatisierte, nähere Auskunft zu geben.
Weit mehr wissen wir von Kratinos; doch sind es nur zwei
seiner Stücke, die wir — das eine mit Sicherheit, das andere mit
hoher Wahrscheinlichkeit — hierher beziehen können; die ,Plutoi'
und die ,Kleobullnen*. Betrachten wir das letztere zuerst.
Kleobulina, eigentlich Eumetis, war die Tochter des Kleobulos
aus Lindos und erfreute sich als Bätseidichterin eines weitverbrei-
teten Ruhmes; ihre Rätsel waren nach dem Zeugnis des Diogenes
aus Laerte^) in Hexametern abgefasst. Derselbe Schriftsteller sagt uns,
dass Kratinos ihrer in den ,Kleobulinen' Erwähnung that (p.4-
[i.vy]Tat); sie kann also nicht die Heldin gewesen sein. Die Heldin war
demnach ,eine Kleobulina^ d. h. eine Frau, welche — ihren Freiern
natürlich — Rätsel aufgab; und der Stoff der ,Kleobulinen* war ein
Rätselmärchen in der Art der ,Turandot'. Ein solches Märchen —
eigentlich eine Verbindung der Sphinxsage mit der Turandotfabel
wird noch jetzt in Griechenland erzählt (16).
1) Ritt. 521 ff. nach Dkoysen. 2) j^ 89.
2*
20 Erates.
Die ,Plutoi' eröfihen die Beihe jener Schlaraffenkomödien, von
denen im Eingang die Rede war. ,Was war, kann werden' — so
urteilt das Märchen, und da die Vorstellung vom seligen Dasein der
ersten Menschen im Yolksbewusstsein ziemlich fest stand, so lag es
nahe, diesen schönen Traum als verwirklicht auf die Bühne zu brin-
gen. So versetzt denn auch Kratinos seine Zuschauer ins Land der
Menschen,
die Eronos vor Zeiten beherrschte,
Wo sie Semmeln hatten zum Steinchenspiel
und im Tarnsaal Kuchen zum Werfen *),
Am Baume gereift, von Blättern umhüllt,
so gross, wie die von Aegina.
•
Dehn da von Sklavenarbeit selbstverständlich keine Rede sein
konnte, so mussten alle Kulturerzeugnisse fertig auf Bäumen wach-
sen (17).
Freilich, me sich Kratinos die Verwirklichung dieses Traumes
gedacht hat, darüber können wir nichts vermuten. Etwas bessere Hand-
haben bietet uns die inhaltgleiche Komödie seines jüngeren Zeitge-
nossen, zu dem wir jetzt übergehen.
Krates, der Komiker, war eine ziemlich zahme Natur, aber voll
Phantasie und Witz. .Fürs gewöhnliche stellte er in seinen Komö-
dien Sittenbilder dar, nach Art der sicilischen und der späteren at-
tischen Schule. Der märchenhaften Richtung gehört sicher eins sei-
ner Stücke, vielleicht noch ein zweites.
Das sichere sind die ,Tiepe^ Wie schon der Titel andeutet, spie-
len nichtsprachbegabte Wesen eine grosse Rolle in der Komödie.
Die Tiere hatten es bei der saturnischen Weltordnung am besten,
und ihnen musste an der Wiederherstellung derselben am meisten
gelegen sein. So sehen wir denn ein Tier die Initiative ergreifen;
welches, ist leider nicht bekannt, wahrscheinlich aber wird es ein
Stier gewesen sein, da es doch — wie aus dem gleich anzuführenden
Bruchstück hervorgeht — ein essbares Tier gewesen sein muss, und
') statt der Disken.
Die ,Tibre^ 21
unter diesen der Arbeitsgenosse des Landmanns den Vorrang hatte.
Der erste Paragraph ist:
Kochrettige möget ihr essen
Und Fische, geröstet and auch mariniert;
doch ans gewähre man Frieden!
Ohne weiteres geht er freilich nicht durch; der Vertreter der
menschlichen Interessen wendet etwas verstimmt ein:
So dtlrfen wir denn, nach dem was ihr sagt,
kein Fleisch hinfüro geniessen,
Und auch auf dem Markt nicht kaufen uns mehr
Pasteten und Dampf knackwtlrste?
Aber die Tiere wissen zur Empfehlung der rationellen Lebensweise
so viele Grunde ins Feld zu fuhren, dass die Menschen endlich nach-
geben. Das ist jedoch nicht alles; auch die Sklaverei soll abgeschafft
werden. Dieser Punkt ist noch viel bedenklicher.
Wie? Niemand darf sich einen Knecht noch eine Magd mehr kaufen,
Der schwache Greis hat niemand mehr, der seiner pflegt und wartet?
Nun kommt aber das erlösende Wort:
Nein! es wird alles, was du siehst, auf mein Geheiss lebendig!
B. Wenn auch! was haben wir davon? A. Mein Freund du darfst nur
rufen.
So folgt dir jedes Hausgerät. Zum Beispiel: Tischlein, deck' dich!
Fix, Kessel, mach die Suppe warm, derweil der Brodsack knetet!
Schenk ein, mein Kännchen! Halt, wo bleibt das Glas? Das Glas soll
kommen
Und rein sich spülen unterwegs! Heraufspaziert, ihr Semmeln!
Topf, schütte deine Blätter aus! He Karpfen! sollst dich sputen!
«So wartet doch! Bin noch nicht gar auf meiner rechten Seite».
So streu 'ne HandvoU Bröseln drauf und dreh dich um, du Faulpelz!
Gegen diese Reform Hess sich begreiflicherweise nichts einwenden ;
raan schlägt ein, und hinfort haben alle, Herren und Sklaven
Ein Leben, froh und wohlgemut,
Und Überfluss an Geld und Gut.
Soweit die* Komödie — • oder vielmehr, soweit können wir ihren
Inhalt erraten. Sie ist aus zwei Märchenmotiven zusammengesetzt
22 Krates.
1) ein redendes und wunderthuendes Tier, und 2) wandelndes und
sprechendes Hausgerät. Für das erste ist der Hahn des Lucian eine
sehr hübsche Parallele; der Hahn ist niemand anders, als Pythago-
ras auf der Seelenwanderung; und da Lucian bekanntlich in seiner
Erfindung den älteren Komikern viel verdankt, und da der Grundge-
danke unserer Komödie — der Schutz der Tiere — echt pythago-
reisch ist, so werden wir auch für die ,Tiere* eine ähnliche Motivie-
rung annehmen dürfen. Der lucianische Hahn ist ebenfalls einWun-
derthäter ; wer eine Feder von ihm besitzt, vor dem springen alle Thüren
auf (18), er sieht alles und bleibt selber unsichtbar. — Bas wandelnde
Hausgerät ist in neugriechischen Volksmärchen nicht gerade 'selten;
eins der hübschesten Beispiele ist das Märchen vom Aschenputtel.
Nachdem die Heldin durch ihre Leiden Wunschkraft erlangt, bittet
sie um ein grosses Schloss^' mit aller zum Leben er forderlichen Ein-
richtung. Kaurh war sie mit ihrer Bitte zu Ende^ so sass sie auch
schon in einem herrlichen^ mit allem wohlversehenen Schlosse^ und
aller Hausrat^ der darin war^ konnte reden und antwortete auf
ihre Fragen und hörte auf ihre Befehle. Wenn sie hungrig war,
so rief sie nur: ^Komm herbei. Tisch mit allem nötigen Gedecke;
kommt her, ihr Löffel, Messer, Gabeln, Gläser, Flaschen, kommt
her ihr Speisen^ -^ und sogleich erschien alles, was sie gerufen.
Wenn sie aber abgegessen hatte, so rief sie: ,Seid ihr noch voll-
zählig? fehlt nichts?^ und darauf erwiderte das Tischgerät: ,Nein,
es fehlt nichts^. So lebt sie dort längere Zeit allein, ohne jede Be-
dienung (19).
Nur zögernd 'habe ich die ,Samier^ herangezogen ; nicht ihres
Titels wegen — denn dass Pythagoras ein Samier war, hilft uns
nicht weiter — sondern wegen eines Bruckstücks:
Elfenbeioernes Gekrös im Wogenschwall von Fichtenbolz
Kochte eine Meerschildkröte einst in einem Ledertopf.
Leichtbeschwingte Wölfe aber, ferner Krebse, rasch im Lauf,
Zogen lächelnd um die Wette Vater Zeus die Stiefel aus.
B. Schlagt ihn tot! — A. Gemach! was ist auf Keos heute für ein Tag?
Die Einwohner von Keos hatten einen so complicierten Kalender,
dass die besten Rechner oft nicht berechnen konnten, • wie die Keer
einen gegebenen Tag benennen mochten ; der Zusatz was ist auf
Die ,Samier^ 23
Keos heute für ein Tag? bedeutet also ebensoviel als Jetzt werdet
einmal aus meinen Worten klug!^ Dem lustigen Dichter hätte es
sicher sehr viel Spass gemacht, wenn er hätte voraussehen können,
dass nach dreiundzwanzig Jahrhunderten sehr gelehrte Forscher diese
seine Worte für ein Rätsel erklären und sich mit der Lösung ab-
quälen würden.
Nach späteren Zeugnissen zu schliessen, miiss dieser schöne Un-
sinn in der Komödie eine gewisse Rolle gespielt haben. Die Fabel
derselben wird dadurch zu einem Lügenmärchen, wie solche aus der
Volkspoesie fast aller Länder bekannt sind. In einem neugriechischen
Lügenmärchen hat ein Lügner eine schöne Tochter, die er demjeni-
gen zur Frau geben will, der ihn im Lügen übertreffen würde. End-
lich kommt einer, der das verlangte zu leisten verspricht. Der Alte
zeigt ihm einen Hahn und fragt ihn, ob er jemals einen so schönen
gesehen habe. Der erzählt: Als wir unsere Mutter verheirateten,
wollte ich unseren Herrgott zur Hochzeit einladen^ setzte mich also
auf unseren Hahn^ um in den Himmel zu reiten. Unterwegs kam
ich durch ein Meer^ dort fand ich, eine Wassermelone^ wollte sie
aufschneiden und verlor in ihr mein Messer, Ich stieg hinein^
fand einen Derwisch^ der mir es suchen half, tvir konnten es aber
nicht finden^ und vorgestern, als ich vorbeikam, versanken mir in
der Melone vier Lasten Wolle. Endlich kam ich zu unserem Herr-
gott, der war aber zu stolz und schickte seinen Sohn. Auf dem
Rückwege faM ich dann ein goldenes Bvxih, dort stand immer
dasselbe. — Was denn? fi'agt der Alte? — Bass ich deine Toch-
ter heiraten soll (20).
Von Krates könnten auch andere Komödien — so die ,Spiele',
die ,Gespenster* ^), die »Lamia* (die Hexe des altgriechischen wie
des neugriechischen Märchens), die , Abenteuer' herangezogen wer-
den; aber hier lassen uns die Bruchstücke ganz ijn Stich.
An Erfindungsgabe dem Krates wohl gewachsen, an Productivi
tat aber ihm weit überlegen war Pherekrates; er hat zu der komi
24 Fhebekrates.
>
schon Gattung, die uns interessiert, von allen den reichlichsten Bei-
trag geliefert. Dazu kommt noch ein anderer Unterschied. Aus den
Komödien des Kratinos und Krates konnten wir im besten Falle ein
märchenhaftes Bild herausschälen; hier tritt uns eine märchenhafte
Handlung entgegen.
Pherekrates hat folgende Märchenkomödien geschrieben: ,die
Guten', ,die Wilden*, ,diö Metallier', ,die Ameisenmenschen' und
,die Pörser*; vielleicht gehören auch ,die Flitter* hierher, von denen
wir sonst nichts wissen.
Von den ,Guten* wissen wir freilich auch nicht viel; es lässt
sich nicht einmal sagen, wer die Guten sind. Aber unter den küm-
merlichen Bruchstflcken ist doch eins, welches uns eine beliebte
Märchengestalt vorführt:
Ich esse täglich, aber ohne Appetit,
Fünf halbe Scheffel ; das ist alles. — B. In der That,
Du Hungerleider! Täglich ,ohne Appetit^
Soviel zur Nahrung eine Eriegsgaleere braucht!
Ziemlich genau der liebeskranke Schlagadodro Immermanns, der
seine frühere Tagesration von einem Ochsen nicht mehr bewältigen
kann. Wen Pherekrates meint, ist nicht so leicht gesagt; für ge-
wöhnlich ist Herakles der Vielfrass der griechischen Komödie. Nun
hat Pherekrates freilich keine einzige mythologische Travestie ge-
schrieben; aber dass Herakles auch in einer Märchenkomödie auftre-
ten konnte, beweisen die , Vögel'. TJebrigens kommt die Gestalt des
Vielfrasses auch in echten Märchen vor. So trifft im Märchen ,vom
jungen Jäger und der Schönen der Welt' der Held einen Mohren,
der ihm in einer Nacht hundert gebratene Ochsen und fünfhundert
Brote aufisst; in einem anderen Märchen verspeist der Uiese, mit
dem der Held Bruderschaft macht, hundert Schafe auf einen Sitz (21).
Von den ,Wilden' lässt sich eine bessere Anschauung gewinnen,
da uns eine kostbare, wenn auch umstrittene Stelle Piatons ^) über
deren Inhalt aufklärt. Protagoras will beweisen, dass durch die Cul-
tur die Bürgertugend zum Gemeingut aller Menschen geworden sei,
1) Protag. XVI p. 327, d.
Die ,Wildbn'. 25
so dass aueh die sogenannten Schlechten es nur deshalb scheinen,
weil die anderen besser sind. Denn nehmen mr einmal an — fährt
er fort — es gäbe tcüde Menschen, etwa me jene, welche Fherekra-
tes am Lenaeenfest des vorigen Jahres uns vorgeführt hat; glaube
mir, SokrateSj wenn du, gleich den Menschenhassern in jenem
Stück '), in solche Oesellschaft gerietest, so würdest du dich freuen,
einem Eurybatos oder Phrynondas ^) zu begegnen, und du tvürdest
dich weinend nach der ScfUechligkeit deiner Mitbürger zurückseh'
nen! Also war die Fabel der ,Wilden* folgende: Menschenhasser, —
wohl zwei, wie in den , Vögeln' — begeben sich in die Wildnis und
bestehen ein Abenteuer mit deren Einwohnern. Wer diese Einwoh-
ner sind — ob Kentauren^), oder Kyklopen, oder sonst wer — lässt
sich nicht entscheiden; aber sicher sind es dieselben, aus denen die
jDraken^ der Neugriechen (ital. orco, frz. ogre) sich entwickelt haben.
Wir dürfen daher ein Drakenmärchen als Grundlage der ,Wilden^
annehmen.
Wenn nun die Misanthropen ihre Heimat verlassen, so geschieht
es zweifelsohne — wie in den ,Vögeln' — weil sie sich nach einem
schöneren Dasein sehnen, recht bequem und arbeitlos. Nun verstehen
wir das folgende Bruchstück:
Keine Knechte, keine Mftgde brauchte man zu jener Zeit^
AUes, was im Hause Not that, ward von ihnen flin^ besorgt.
Ferner, früh vor Tagesanbruch, mahlten sie den Weizen klein,
Dass von ihrer Mühlen Knirschen hell das ganze Dorf erklang.
Also wird Abschaffung der Sklaverei verlangt, wie in den ,Tieren'
des Krates. Dort wurde zum Ersatz das Hausgerät belebt; hier wird
die Arbeit von ihnen verrichtet. Aber wer sind sie? In Deutschland
weiss man recht gut, mit wem es die Stadt Köln vor Zeiten so be-
quem hatte; an unserer Stelle werden aber — was die Uebersetzung
nicht wiedergeben kann ^- weibliche Wesen verlangt. Hier muss
wieder einmal das Märchen aushelfen. Die Rolle, die in Deutschland
die Kobolde spielen, fällt in Griechenland den Neraiden zu, die
*) o\ 6v exstvüj Tü> x^P4> lAiffavdpwTcoi, *) Zwei ihrer Verworfenheit wegen
herühmte Menseben. 3) Diese sind sonst die wilden Männer (aTpioi) xax* eSox^^J
vgl. Ar. Wölk. 348 ff.
26 Pherekrates.
ihrem Wesen nach den althellenischen Nymphen entsprechen. —
Aber abgesehen von der Verschiedenheit in der Wahl des Ersatzes
entsprechen unsere Misanthropen ziemlich genau dem pythagoreischen
Redner in den ,Tieren*; sollten sie nicht auch Pythagoreer gewesen
sein?
Ich glaube wirklich, dem war so. Nur unter dieser Voraus-
setzung verstehe ich das folgende Bruchstück, das uns der gütige
Zufall aufbewahrt hat.
Und nicht einmal zu eures werten Angesichts
Reinwaschung braucht ihr Bohnen? — B. Fällt uns gar nicht ein!
Die Scheu der Pythagoreer vor den Bohnen ist bekannt; nicht
sind Bohlen die Bohnen^ es sind die Häupter der Ahnen — so lau-
tet der Grund ihres Verbotes^ die Bohnen als Speise zu geniessen.
Unsere Misanthropen gehen darin noch viel weiter — wohl nicht ohne
Vorbild.
Auf Pythagoras beziehe ich noch ein zweites Bruchstück unserer
Komödie.
Drum ist er auch wohl, meiner Meinung nach,
his hin nach Aegypten gezogen,
Um Weisheitslehren zu schöpfen dort,
im Lande des weisen Lykurgos.
So sagt auch bei Lucian Pythagoras: ich zog nach Aegypten ^ um
dort mit den Propheten zu verkehren und von ihnen Weisheit zu
lernen. Dass an unserer Stelle von der Person des Pythagoras in
anapaestischen Tetrametern geredet wird, verleiht diesem Zuge einen
besonderen Wert. Die Tetrameter sind — das wird kein Kundiger
bezweifeln — aus einem Agon, d. h. jener Scene, in welcher die
Gregensätze der Komödie gegen einander losstürmen; in den , Vögeln'
ist es die Scene, in welcher Peithetairos die Vögel für sich gewinnt
und sie überredet, ihrer unsteten Lebensweise zu entsagen und eine
Stadt zu bauen. Grössere Gegensätze sind schwer denkbar, als die
Kannibalen des Chors und unsere Vegetarier; war im Agon von
Pythagoras die Rede, so kann das kaum einen anderen Sinn haben,
als dass die Misanthropen darin ihre neuen Freunde, die Draken,
zur pythagoreischen Lebensweise bekehren.
Die ,METALLIER^ 27
Aus diesem Agon sind uns auch die Eingangsverse der Mi«an-
thropenrede erhalten:
Jetzt rückt es heran, das Bombengeschütz,
die gewaltige Mordkatapalte,
Die das Deck durchbricht ihrem stolzen Schiff,
und das Wrack versenkt in die Tiefe.
Natürlich endet der Streit damit, dass die Misanthropen glänzend
siegen; in der Parabase, die dem Herkommen gemäss auf den Agon
folgte, verkünden die bekehrten Draken das neue Statut: das Fleisch
der Tiere als Speise zu verwenden ist ein für allemal verboten ; von
der Menschenfresserei und ähnlichen Unarten versteht sich das von
selbst; von nun an hat man naturgemäss zu leben und Beeren und
Früchte zu essen, notabene im Sommer; im Winter aber
Holzoliven, verschrumpft und grau,
Klettenkerbeln und Bärenklau.
Doch, wem hungrig der Magen bellt,
Dem ist's feierlich freigestellt,
Eh die ängstliche Nacht verstrich.
Abzunagen die Finger sich (22).
Wer die ,Metallier' sind, sagt der Name; da die Griechen unter
[x£TaXXa die Bergwerke verstanden und MsTaXXYj; ein Volksname
ist, können nur jene phantastischen Wesen gemeint sein, mit denen
die Einbildungskraft der Steiger den Schoss der Erde bevölkert, jenes
,stille Volks welches sich den Bergleuten oft so hold und hilfreich
erweist. Einer alten Frau war es vergönnt, in die Wunderstadt der
Metallier — vielleicht im Traum — hinabzusteigen; sie erzählt das
Gesehene einer neidischen Gevatterin :
Da sah ich allerorten, in der ganzen Stadt
Des Reichtums Fülle und des Glückes Ueberfluss.
Die Gossen führten heissen, fetten Hirsebrei
Und schwarze Suppen, dampfend wie am Feuerherd;
Drin schwammen Klösschen und Blutkuchen ohne Zahl,
Recht weiss und lecker, die von selber oft im Nu
Den hier Yerschiednen ^) sprangen in den offnen Mund;
Und längs den Gossen, statt der Pflastersteine, sah
Ich Würste liegen und Saueischen, zischend heiss. . .
^) siehe Anna. 23.
J
28 FHEREKRiTES.
und so weiter; denn Athenaios, dem wir diesen Küchenzettel ver-
danken', hat uns hier ein besonders langes Bruchstück aufbewahrt,
welches die Garnitur der Suppengossen in weiteren zehn Versen be-
schreibt. Das wird selbst der Gevatterin zu langweilig :
Nuo, Hexe, warum lebst du noch und purzelst nicht
Mitsamt den deinen in den Tartarus hinab?
A. Hör erst, was weiter kommt, Verehrte. Um den Mund,
Da flogen dir gebratne Drosseln, zankten sich
und baten rührend, dass man sie verspeisen soll;
Und schöne Aepfel hingen überm Kopfe dir
Frei in der Luft, und ohne dass den Baum man sah.
Wollt' einer trinken, kamen Mädchen flink herbei
In seidneu Röckchen, Wangenrot und kurz von Haar,
Und trichterten den Trunk ihm durch die Kehle ein;
Und alles, was man nur getrunken und verspeist.
Erschien sofort verdoppelt an dem alten Ort.
Man wird nicht leugnen können, dass die Farben etwas matt sind;
doch haben schon die alten Kritiker die ,Metallier^ dem Pherekrates
abgesprochen (23).
Dagegen scheinen die ^Ameisenmenschen^ eine sehr reiche und
prächtige Märchenhandlung gehabt zu haben; und der Zufall hat
es höchst glücklich gefügt, dass fast jedes Bruchstück einen neuen
Zug enthält. Was zunächst den Titel anbelangt, so liegt es wohl
am nächsten, an Aiakos zu denken, auf dessen Bitten Zeus, um das
menschenleere Aigina zu bevölkern, die Ameisen der Insel in Men-
schen verwandelt hat. Doch darf man deswegen nicht annehmen,
dass diese Mythe den Inhalt der Komödie gebildet habe; mytholo-
gische Komödien hat Pherekrates überhaupt nicht geschrieben, und
die sehr bedeutsamen Bruchstücke widersprechen dieser Annahme
durchaus. Pherekrates wird sich dieses mythischen oder vielmehr
märchenhaften Zuges an passender Stelle bedient haben, wo es galt,
eine öde Gegend zu bevölkern. Nun die Bruchstücke.
Das eine lautet:
Was faselst du? Weisst du denn nicht,
Dass alle Fische stumm sind? B. Bei den Göttinnen,
Gewiss! Nur einer, siehst du, nur der Knurrhahn *) nicht.
^) Jtsux edTiv Ix^u? aXXo? ouSei? ri ßoaS.
Die ,ämeisenmensch£n^ 29
Nun wissen wir also genau, dass in der Komödie ein redender Fisch
eine Rolle spielte. * Der Schwur ,hei den Göttinnen* (vir] tA) deÄ)) ist
nur im Munde einer Frau am Platze^); also ist es eine Frau, welche
einen Ungläubigen ins Geheimnis des redenden Fisches einweiht.
Das Übrige muss uns das Märchen erklären.
Wenn im Märchen der redende Fisch auftritt, so ist es nur, um
Wunschkraft zu verleihen; so im neugriechischen Märchen vom
jHalbenS Eine Frau war lange kinderlos und darüber so traurig,
dass sie eines Tages zu Gott betete, er möchte ihr ein Kind schen-
ken, und wenn es auch nur ein halbes wäre. Ein solches bekam sie
auch; einen Knaben mit halbem Kopfe, halber Nase, halbem Munde,
halbem Körper, einer Hand und einem Fuss. Der fing sich einst
einen Fisch; der Fisch bat, er sollte ihn loslassen, und lehrte ihm
dafür den Spruch bei dem ersten Worte Gottes u/nd bei dem zweiten
des Fisches, das und das soll geschehen ; der Spruch hat aber die
Kraft, dass alles, was gewünscht wird, sofort geschieht.
Das zweite Bruchstück lautet so :
Als Mastbaum richte diesen Alten auf, geschwind!
Der jAlte' ist nun, wie Pollux sagt ^), eine hölzerne Stange, vier-
eckig, wie eine Herme, mit dem Kopfe eines alten Mannes drauf, von
der herab die Spinnerinnen den Werg herabspannen ; also der Spinn-
rocken. Nun können wir die ganze Scenerie reconstruieren. Soll der
,Alte' als Mastbaum dienen, so kann das Schiff nicht allzu gross sein;
es war also überhaupt kein regelrechtes Fahrzeug gemeint, sondern
etwas anderes, etwa eine Lade. In dieser Lade sass die Person, die
den Spinnrocken bei sich hatte, also ein Mädchen oder ein Weib;
und ausserdem ein anderer, dem sie den ,Älten^ als Mastbaum auf-
zurichten befiehlt. Danae sass mit ihrem Kinde in der Lade allein ;
sie kann also nicht gemeint sein.
Sehen wir uns nun nach einem neugriechischen Märchen um, so
gibt es unter allen, die gesammelt sind, nur eins, welches diesen Zug
enthält — und da ist es wohl kein Zufall, dass es wieder das Mär-
chen vom ,Halben^ ist. Im Besitz der Wunschkraft wird der Halbe
1) cf. Ar. Ekkl. 155 ff. «) 7, 73.
30 Pherekrates.
seiner Hissgestalt wegen von der Königstochter ausgelacht; um sich
an ihr zu rächen, wflnscht er sich heimlich zu ihrem Mann. Das Ver-
hältnis wird entdeckt, und der König lässt seine Tochter mit dem
Halben in ein eisernes Fass sperren und ins Meer hinauswerfen. Das
eiserne Fass ist eine Modernisierung ; das altgriechische Märchen wird
dafür, wie die Perseussage, eine Lade (XapvaH) geboten haben, die
den Bedürfiiissen der Komödie gemäss offen war.
So richtet sich denn unser Pärchen in der Lade häuslich ein.
Da entdeckt die Königstochter, dass ihr Gemahl Wunschkraft be-
sitzt. Im neugriechischen Märchen wünscht sie sich ans Land zu-
rflck ; in einer neapolitanischen Variante, die sonst sehr genau über-
einstimmt, wird die Lade zunächst in ein Schiff verwandelt, erst gegen
Anbruch der Nacht landet man. Folgen wir dieser Version als der
vollständigeren, so haben wir zunächst eine Metamorphose der Lade in
ein Schiff anzunehmen. Aus den Brettern der Lade wird der Schiffs-
körper, aus dem , Alten* der Mast; aber wo bekommen sie Matrosen
her? Ich denke, das wäre der Augenblick, wo die Ameisenmenschen
eintreten könnten; Ameisen wird es in der Lade genug gegeben
haben.
Ans Land gestiegen — so fährt das Märchen fort — ergehen
sie sich eine Weile; da werden 'sie vom Regen Qberfiillen, und die
Königstochter sagt zum Halben, er solle sich ein Obdach wünschen.
Und aus den ,Ameisenmenschen* ist uns der Vers überliefert:
weh mir Armen! Sieh, der Sturm, der Sturm bricht los!
Das ist eine weitere Uebereinstimmung ; sie ist nicht eben bedeut-
sam, aber es ist doch hübsch, dass sie vorhanden ist. Denn, alles in
allem, wird sich wohl nicht in Abrede stellen lassen, dass eben das
Märchen vom , Halben*, oder doch ein analoges, den ,Ameisenm.en-
schen' zur Grundlage gedient hat.
Im Märchen wird aus dem bescheidenen Obdach ein grosses
Schloss, in dem der König endlich die Tochter und den Schwieger-
sohn findet. Für diesen Teil des Märchens sind uns aus der Komödie
keine Bruchstücke überliefert (24).
Die ,Perser* endlich sind wieder eine Schlaraffenkomödie. Der
Titel ist deswegen so gewählt worden, weil nach dem Glauben der
Die jPerser*. 31
Griechen in Persien die ^goldenen Berge^ standen. Doch ist die In-
scenirung hier anders, als in den froheren Komödien derselben Rich^
tung; das goldene Zeitalter wird erst als bevorstehend geschildert,
und es geht ohne Kampf nicht ab. Neben dem Beglücker, dem Gotte
des Reichtums, tritt die Armut auf und ermahnt die Menschheit,
lieber durch die herbe Schule der Entsagung und der Arbeit zum
Segen zu gelangen. Ihr erwidert der Anwalt des Reichtums:
Was brauchen wir aH deine Wissenschaft
von Stieranspannen und Pflügen,*
Von SiehelbereituDg und Sehmiedhandwerk,
von Saat und Mahd und Umzäunung!
Von selber werden, du hast's ja gehört,
durch die Gassen sich rauschende Ströme
Von dampfender Brühe ergiessen und Speck
und achiUische Klösschen uns führen
Weither, von den Quellen des Reichtums her;
wer mag, schöpft voll sich die Schüssel;
Und würzigen Rauch wein regnet uns Zeus
herab auf die Ziegel der Dächer,
Und die Wasserspeier am Dachkarnies,
sie speien uns saftige Trauben
Und Honigkuchen, und Linsenbrei,
und Hörnchen, und Brezeln, und Semmeln. «
Und all die Bäume da drauss im Gebirg,
nicht Blätter werden sie tragen.
Nein, schimmernde Würste und Kabeljau's
und zarte gebratene Drosseln.
Wie die Handhiug sich weiter entwickelte, wissen wir nicht (25).
Den Komiker Eupolis haben schon die Alten den , phantasievol-
len' genannt: Avird sind daher zur ErAvartung berechtigt, dass wir
auf der Suche nach Märchenkomödien bei ihm nicht vergebens an-
klopfen Averden. Aber freilich hat er seine Erfindungskraft zumeist
politischen Stoffen zugewandt; der rein märchenhaften Richtung ge-
hören nur zwei seiner Komödien an, die ,Ziegen' und das ,goldene
Zeitalter^
Die erstgenanntef Komödie hatte ihren Titel von den Ziegen,
Avelche, wie uns mehrfach bezeugt ist, den Chor bildeten und in der
Parabase des Stückes die Annehmlichkeit ihrer Lebensweise priesen.
32 Eupoijs.
Doch ist nicht jenes Ziegenleben gemeint, wie es Immemuuin im
^Mflnchhansen' mit wahrhaft dionysischer Phantasie geschildert hat;
der Inhalt unserer Komödie war ein Märchen, keine Satire.
Unter diesen Ziegen ist eine von ganz besonderer Begabung:
Sie spricht sogleich, wenn sie ein Unwohlsein befiült:
,6eh, kauf mir Sprotten!' Wenn sie einen Wolf erbUckt,
So schreit sie aof und mft's dem Ziegenhirten zu.
Schon hier gibt sich das Härchen deutlich zu erkennen; noch
mehr ist das bei einem anderen Bruchstück der Fall:
Thu her zu mir dein Mänlchen, dass ich dran riechen kann.
Vergleicht man diesen Vers mit einem Fragment des Pherekrates
Nach Honigwaben duftet gar sQss
ihr Mand, wie beim grasenden Zicklein.
und beherzigt den Titel unserer Komödie, so ^vird es klar, dass
die obigen Koseworte an eine Ziege gerichtet sind. iJun vergesse
man nicht, dass die Ziegen des Chors sich auf der Orchestra befan-
den; sie können also nicht gemeint seiu. Oemeint ist eine Ziege auf
der Bühne, die als handelnde Person auftrat. Dadurch wird der Mär-
chencharakter unseres Stückes noch deutlicher; diese Zärtlichkeits-
bezeugungen einer Ziege gegenüber setzen eine sehr bestimmte, cha-
rakteristische Situation voraus; es ist ein ganzer Märchenzug, der
uns in dem einen Verse gegeben wird.
Fügen wir noch ein drittes Bruchstück hinzu
Da sitzest du, rufst ,Ziege, Ziege !^ immerfort.
und gehen dann auf die Märchenschau.
Es war einmal ein kinderloses Ehepaar; eines Tages betete die
lYau, Gott möge ihr ein Kind geben, und wenn es auch ein Zick-
lein wäre . . .
Hier müssen wir das Märchen ergänzen. Wie kommt die Frau
gerade auf das Zicklein? Wenn der Gedanke ihr nahe gebracht wer-
den sollte, mussten Ziegen in der Nähe sein; in der ursprüngli-
chen Fassung des Märchens wird der Mann Ziegenhirt gewesen sein.
Doch das ist nebensächlich.
Dir ,Zie0en^ 33
Sie bringt auch wirklich eine Ziege zur Welt, die ist aber mun-
ter und anstellig, plaudert mit der Mutter und bringt dem Yater
Wasser auf den Acker. — Hier können wir das erste Bruchstflck
einflechten. — Auf dem Rückweg setzt sie sich hin und legt ihr Fell
ab, um es zu säubern; bei dieser Beschäftigung überrascht sie der
Königssohn; sie schlüpft wieder in ihr Fell und läuft nach Hause.
Der Königssohn schickt nach ihr und sagt seiner Mutter, er wolle
die Ziege heiraten. Die Mutter ist unglücklich , ,nimm dir doch eine
Prinzessin, aber keine Ziege !^ ruft sie; der Sohn antwortet ihr aber
,ich will die Ziege, und keine andere !^ — Aus diesem Gespräch
mag das dritte Bruchstück stammen.
Die Königin mosste sich fügen uud schickte Brautwerber zur
Bauersfrau; die wollte anfangs nichts davon wissen, die Königin
musste selber zu ihr gehen. Der gab sie die Ziege mit. Als der
Prinz die Ziege erblickte, küsste und herzte er sie und fing nun
uneder an zu essen wnd zu trinken. — Nun haben wir auch f&r
das zweite Bruchstflck die richtige Stelle gefunden.
Die Ziege neckt den Prinzen einigemal, indem sie ihm als Mäd-
chen erscheint und dann wieder in die Ziegenhaut zurückschlflpft,
bis der Prinz eines Tages, als sie die Ziegenhaut abgelegt hatte, sie
findet und verbrennt; damit ist der Zauber gelöst, und sie bleibt
sein Weib (26).
Die zweite Märchenkomödie des Eupolis, das ,goldene Zeitalter^
hatte, wie schon der Titel lehrt, die Wiederherstellung der alten
Märchenseligkeit zum Gegenstande . Die Inscenierung war deijenigen
der Pherekratischen ,Perser' verwandt; doch wurde diese letztere
Komödie erst nach dem ,goldenen Zeitalter^ aufgeführt. Zwei Redner
traten auf; der eine verfocht die Sache der Armut und des enthalt-
samen Lebens , der andere erwiderte ihm :
Hör' nun auch mich an. Ich will grad im Gegenteil
Zum warmen Bad das Wasser meinen Freunden hier
Vom Meer auf .säulenunterstütztem Aqnaednct
Herfahren, wie man's in der FaeanshaUe sieht.
So wird es jedem in die Wanne fliessen; ist
Sie voll, so sagt es ,haltet ein!' Dann kommt sofort
Yon selbst der Schwamm,' das Fläschchen nebst den Sandelschuh'u.
34: EupoLis. Das , Goldene Zeitalter^
Dieser zweite trägt natürlich den Sieg davon. Die Arbeit wird ab-
gesehafft; die Hausgeräte, das ganze Inventar der Vorratskammer
gehorcht dem Worte des Gebieters:
Sind alle da? Du Käse, geh und wasch' dich ab •
Und leg' dir deine Käsehftüt als Röckchen an.
Auch sonst wird manches anders, und Neu-Athen bekommt ein
etwas ironisches Loblied zu hören :
Stadt, du schönste von allen, soviele Kleon beherrscht,
Wie glücklich warst du vor Zeiten, wie glücklich wirst du noch sein!
Da soll sich einer nicht freuen, nicht lieben unser Athen,
Wo selbst dem krüppligen Wichte, wie dürr und hässlich er sei . . .
Den Rest verschwieg uns die Diskretion unseres Gewährsmannes; wen
die Neugierde plagt, der l^se bei Aristophanes Ekkl. 626 ff. nach (27).
Wir entfernen uns vom ,goldenen Zeitalter^ nicht zu weit, wenn
wir zu den ,Amphiktyonen^ des TeleMeides übergehen. Diese Komö-
die erinnert etwas an die ,Metallier* des Pherekrates, doch hat Phe-
rekrates den Telekleides nachgeahmt. Amphiktyon war ein uralter
König von Athen ; in unserer Komödie kehrt er, wie Kaiser Friedrich
aus dem Kyffhäuser, auf die Oberwelt zurück, und Glück und Frie-
den folgen ihm nach. Telekleides führt ihn also redend ein:
So will ich euch schildern das Glück und die Lust,
die ich den Mensehen gewährte.
Da war vor allem der Frieden ini Land
alltäglich, wie Luft und wie Wasser;
Nicht Furcht entsprosste der Erde, noch Weh;
sie brachte des Guten die Fülle.
In den Bächen, da schäumte der purpurne Wein;
um die Köpfe der Menschen, da zankten
Sich schimmernde Semmeln mit Brezeln herum
und beschworen, sie rasch zu verspeisen.
Die Fische, sie folgten den Mens(?hen ins Haus
und brieten sich selbst auf der Pfanne,
Und legten sich lang auf die Teller hin,
und bestiegen die prangende Tafel.
Ein Strom von Suppe durchströmte die Stadt
und wälzte gebratene Keulen;
Von den Traufen träufelte Brühe herab;
die Hungrigen hielten den Bissen
Telbkleides. Die ,Amphiktyonex\'. 35
Ein Weilchen daxinnen, und schlackten ihn dann
recht warm und saftig herunter.
An den Ecken stellte man Schüsseln hin
mit Kaidaunen und Wildpasteten;
Bratdrosseln mit Elössen flogen von selbst
in den Mund den schnappenden Menschen;
Speckkuchen drängten sich hinterher
mit Stossen und Balgen und Schimpfen;
Fleischstflckchen hatten und Hühnchen klein
zum Steinchenspiele die Kinder;
Und d^ Menschen waren ein starkes Geschlecht,
wie die erdentspross'nen Giganten.
Wäre es nötig oder auch nur möglich, eine vollständige Ge-
schichte der Märchenkomödie zu geben, so dürften wir den ,AIp^ des
Phrynichos, die ,Ameisen* und die ,Kerkopen oder die WoUkrämp-
lerinnen' des Komikers Piaton, die ,Perser von Thurii^ des Metage-
nes und die ,Sirenen* des Nikophon nicht auslassen. Da wir aber
von diesen Komödien nur sehr weniges wissen, und das Wenige un-
sere Darstellung um keinen einzigen neuen Zug bereichert, so wird
es erlaubt sein, mit üebergehung dieser Sterne zweiter und dritter
Grösse direct zu Aristophanes, von dem wir ausgegangen sind,
zurückzukehren.
Es ist nicht leicht, unter seinen fragmentarisch überlieferten
Komödien diejenigen auszusuchen, welche zur märchenhaften Rich-
tung gehören. Sind die ,Stttrche^ hierher zu beziehen? Der Titel
scheint dafür zu. sprechen, aber das ist auch alles. Und die ,Gespen-
ster'? und die ,Tellerlecker^? Athenaios rechnet die letzteren zu den
Schlaraffenkomödien, aber die Bruchstücke gewähren keinen Anhalt,
und am Titel herumzudeuten dürfte verlorene Mühe sein. Die ,Jah-
reszeiten^ gehören wenigstens teilweise hierher. Wir wissen, dass
darin jemand — möglicherweise der alte König Erechtheus — zu
Gericht sass über fremdländische Götter, die in Athen eingedrungen
waren, und über diejenigen, die sich nicht ausweisen konnten, die
Verbannung verhängte. Phantastisch genug, abernoch kein Märchen.
Nun gibt aber einer von den Eindringlingen — etwa der phrygische
Sabazios — den Athenern, wenn sie ihn behalten wollen, folgende
Versprechungen :
3*
36 ÄBISTOPHA^nSS.
Ich schenk' in rauhster Winterzeit euch Beeren, Trauben, Gurken,
Auch Yeilchenkränze, Hosen, Lilien, wahre Blumenwolken;
Feil bietet dann derselbe Mann Oliven, Honig, Birnen,
Auch Austern, Briesmilch, Schwalbenkraut, Spanferkel und Cicaden;
Korbweise bringt man zum Verkauf euch Feigen dann und Myrten
Und heimst zur selben Jahreszeit Melonen ein und Rtlben,
So dass kein Mensch mehr wissen wird, wie spät es ist am Jahre.
Und das ist doch ein schön Geschenk, wenn ihr das ganze Jahr lang
Könnt essen, was das Herz begehrt. B. Ein schön Geschenk? Mit nichten!
Wer es nicht hat, der wünscht sich's nicht und kann die Heller sparen.
Ich wttrd' es wohl auf kurze Zeit yerleihn und dann entzieheji.
A. Ich halt's in andern Städten so; doch lieb' ich die Athener
Und gönne ihnen alles gern, da sie die Götter ehren.
B. Da haben sie was Rechtes sich bei euch verdient! — A. Wieso denn?
B. Weil ihnen ein Aegjpten du aus ihrer Stadt gemacht hast.
Es ist in diesem Absclinitt nicht alles verständlicli ; und besser ist's
wohl, dass man es eingesteht, als dass man durch eine schiefe Er-
klärung sich über die Schwierigkeiten hinwegtäuscht (28).
Das jkller' hat, wie wir wissen, wenigstens einen märchenhaften
Zug enthalten, unter allen Tieren flösste den Griechen die Schlange
die grösste Ehrfurcht ein, und es wäre nicht uninteressant, die Mittel
zu verfolgen, durch welche dieses stumpfsinnige Geschöpf es zuwege ge-
bracht hat, für ein Geiäss verborgener Weisheit zu gelten. Es konnte
lange Zeit leben, ohne Nahrung zu sich zu nehmen; es wurde — so
erzählte man sich — häufig in Gräbern unter den verwesenden
Überresten der Verstorbenen gefunden ; es häutete sich alljährlich
und setzte verjüngt sein Leben fort — alles dies bewirkte, dass man
die Schlange für unsterblich und ihre alljährliche Häutung für eine
alljährliche Wiedergeburt erklärte. Die alte Haut wurde geradezu
,das Alter' genannt. — In unserer Komödie sehen wir dies auf
die Menschen übertragen; alte Leute werfen ihr Älter, ihre Haut ab
und werden dadurch wieder jung; sie benehmen sich auch sehr un-
gezogen und rauben u. a. eine Bäckerin aus:
Was soU das heissen? B. Warme Semmeln, liebes Kind!
A. Bist du bei Tröste? B. Pfannenkuchen, liebes Kind,
Recht zart und saftig!
Das Alter will, wie es scheint, auf seine Leute nicht verzichten; es
erscheint in persona auf die Bühne — etwa wie die Armut in den
,AnA6TR08^ 37
,Persern' und im »Goldenen Zeitalter' — und sucht die Abtrünnigen
durch Überredung vneder zu gewinnen^ indem es ihnen die Yorzflge
des Greisenalters zu Gemüte führt. Von diesen Vorzügen sind jedoch
die Verjüngten wenig erbaut:
Ein prächtiges Leben verschaffst du fttrwahr,
bei der hohen Demeter, den Deinen,
Wenn sie, Striegel und Ball in der zitternden Hand,
die Knaben^ zur Schule begleiten.
Das Märchen freilich hat an diesen Reflexionen keinen Teil, und die
ganze Komödie ist nicht mit grösserem Rechte zur märchenhaften
Richtung zu rechnen, als etwa die ,Eirene^ (29).
Einen mehr legendarischen als märchenhaften Charakter hatte
der jAnagyros^ Die Athener, sagt Aelian ^), gingen in ihrer Fröm-
migkeit so weit, dass sie diejenigen mit dem Tode bestraften, welche
in einem Heroon ein Bäumchen abgehauen hatten. Die prototypische
Sage dazu war die Sage vom Heros Anagyros. Dieser Anagyros hatte
in der Nähe von Athen einen geweihten Hain; ein Landmann aus
dem benachbarten Dorfe fällte einige Bäume in diesem Haine. Er
hatte deshalb den Zorn des Heros in seiner ganzen Schwere zu
empfinden. Er yerstiess sein Weib, von dem er einen Sohn hatte;
diesem Sohn stach er dann, infolge einer falschen Beschuldigung
der Stiefinutter, die Augen aus, führte ihn auf eine wüste Insel und
liess ihn dort zurück. Der Fluch des. ganzen Dorfes strafte das Ehe-
paar für diese That; aus Verzweiflung darüber schloss sich der Mann
in sein Haus ein, das er mit allem, was drin war, in Flammen auf-
gehen liess; die Stiefmutter sprang in den Brunnen. — Ob nun
Anagyros selber in die Handlung eingriff, oder ob das Unglück des
Mannes als Folge seines Fluches dargestellt war — das wissen wir
nicht (30).
Ein echtes Märchen ist dagegen der ,Aiolosil(on^ Der Titel selbst
gibt uns über die Verwickelung*^ desselben Auskunft. Der Held war
Sikön, und er lebte in Verhältnissen, die an den Mythus von Aiolos
erinnerten. Nun war Aiolos den Athenern ' hauptsächlich durch die
blutschänderische Hochzeit seiner Kinder Makareus und Kanake be-
1) V. h. V. 17.
1
38 Aristophanes.
kannt, welche der Inhalt der Euripideischen Tragödie ,Aiolos* bil-
dete; in dieser Sphäre wird sich also auch die Fabel des ,Aiolosikon'
bewegt haben, und es wird an Anspielungen auf das Euripideische
Stück kein Mangel gewesen sein. Zu gross dürfen wir uns aber die
Übereinstimmung der Aiolossage mit dem Sikonmärchen nicht den-
ken ; sonst verstehen wir die Worte des Libanios ^) nicht, der von
einem verächtlichen Menschen sagt: er ist übermütiger als Älkibia-
des, handelt aber me Sikon; und was dieser that, darnach frage du
den Aristophanes. Es scheint also, dass bei Aristophanes Sikon
selbst einen Incest mit der entsprechenden Kanake unterhielt oder
unterhalten wollte^ also mit seiner eigenen Tochter. Halten wir einst-
weilen daran fest.
Dass Herakles in' dem Stücke auftrat, wissen wir ^), doch kön-
nen wir damit nicht viel anfangen. Auch in der anderen Märchen-
komödie des Aristophanes, den ,VögelnS tritt er ja in ziemlich über-
raschender Weise auf. Unter den Bruchstücken sind es drei, die uns
die richtige Fährte weisen können. Zunächst fgm. 2 :
Jetzt gilt kein Zögern; rüste dichl Was du begehrst,
Will ich dir kaufen, Weib, es sei auch, was es sei.
Die natürliche Beziehung dieses Bruchstücks zum Titel der Komödie
wird der Leser wohl von selber erraten. Ferner fgm. 9 :
. . . Könnt' er, ein junger Mann, in die junge Magd sich verlieben.
Endlich, ein recht bezeichnendes, fgm. 8, das ich lieber, um nicht
zu viel hineinzulegen, in Prosa übersetze : und tvir sehen^ me in
einer blanken Laterne, alles durch das Sklavengewand hindurch-
schimmern. Was unter dem Worte ,alles^ zu verstehen ist, möge
man, nicht zu rasch entscheiden. Die Laternen der Griechen hatten
durchsichtige Hornplatten an Stelle unserer Glasscheiben. Das Skla-
vengewand wurde aber nicht aus koischen Stoffen verfertigt, war
also nicht durchsichtig; sollte dennoch ,alles' hindurchschimmern,
so muss es einige, oder doch einen Riss gehabt haben.
Bisher ist noch alles dunkel. Aber ich denke, wenn wir ein Mär-
*) Ep. 420. p. 215. 2) fgm. 12 K.
,AlOLOSIKON^ 39
chen finden, welches dem Titel unserer Komödie entspricht und alle
drei Ztige, die sich aus den Bruchstflcken ergeben, enthält, ohne dass
man sie hineinzulegen hätte, — so wird die Vermutung, dass eben die-
ses Märchen die Grundlage der Komödie gebildet habe, selbst in den
Augen derjenigen Gnade finden, die sonst der combinatorischen For-
schung das grösste Misstrauen entgegenbringen.
Es war einmal ein König, der hatte ein sehr schönes Töchter-
chen. Als diese heranwuchs, sagte er ihr: du rausst meiue Frau
werden. Das Mädchen appelliert an den Bischof (der im christlichen
Märchen das delphische Orakel ersetzt hat); der König fragt ihn
darauf: wenn jemand ein Lamm grossgezogen hat, ist es besser,
dass er es verzehrt, oder dass ein anderer es thut? Der Bischof ant-
wortet: er soll es lieber selber verzehren. Das fasst der König als
günstigen Bescheid auf, und die Tochter muss sich zur Hochzeit
rüsten. Zuvor bittet sie sich aber zwei Anzüge aus purem Gold aus,
die Taschen mit Dukaten gefüllt, ein Bett und einen Schacht, zehn
Klaftern tief. — Was der König darauf antwortete, sagt der Wort-
laut des Märchens zwar nicht; da er aber alles Verlangte beschafft,
so kann er nur mit unserem Bruchstück A?. 1 geantwortet haben.
Das Mädchen nahm die Kleider, stieg ins Bett, fuhr in den
Schacht und sprach: Erde, thu dich noch weiter auf! Die Erde that
sich auf, und das Mädchen kam an einem anderen Orte wieder her-
aus. Dort trat sie, in ein Tierfell gehüllt, in den Dienst des Königs
und hütete als niedrige Magd die Gänse. Einigemal neckt sie den
Königssohn, indem sie sich ihm in den goldenen Kleidern zeigt und
dann entflieht, so dass er sich in sie verliebt, der junge Mann in
die jtmge Magd; aber er kann sie nirgends finden. Endlich verlangt
sie, dem Königssohn das Waschwasser vor dem Speisen bringen zu
können; dabei schlitzt sie sich ihr Tierfell auf, so dass die Anwesen-
den ailes — nämlich das goldene Kleid — durch das Sklavenge-
wand durchschimmern sehen] der Königssohn erkennt sie daran
und nimmt sie zur Frau.
Das Märchen ist nun echt hellenisch gedacht. Die Tochter gibt
die Entscheidung über ihre Hochzeit der göttlichen Macht anheim,
wie die Atalante der griechischen Sage; im deutschen Allerleirauh-
märchen handelt der König despotisch. Sie wird von der Erde ver-
40 Archippos.
•
sehlungen, ehe das Unerhörte geschieht, wie Ainphiaraos; im
deutschen Märchen flieht sie. Endlich ist auch das Waschwasser
vor dem Speisen ein antiker Zug, der weder im deutschen Märchen
zu finden ist, noch auch, soviel ich weiss, im neuhellenischen Leben
nachgewiesen werden kann (31).
Der jAiolosikon' gehört nur insofern der altattischen Komödie
an, als er das letzte Drama ihres bedeutendsten Dichters ist; zeit-
lich steht er bereits in derjenigen Periode, die man früher die ,mitt-
lere' Komödie zu nennen pflegte, ehe Kock diesen so praktischen
Terminus aufgab und die Schlacht bei Chaironeia aus der Geschichte
der griechischen Komödie entfernte, in der sie sonst neben der
Schlacht bei Aigospotamos einen Wendepunkt bezeichnete. Der ,Aio-
losikon* würde auch in dieser Studie den letzten Platz einnehmen,
wenn wir rein chronologisch verfahren wollten ; so aber müssen wir
diesen Platz der Komödie eines Spätlings der altattischen Periode
geben — den , Fischen' des Arcliippos.
Die ,Tiere', die ,Vögel*, und nun gar die ,Fische* — es ist als
ob die Wirbeltiere nach einander, in der Reihenfolge ihrer Dignität
hätten auftreten sollen, und die Amphibien dabei zu kurz gekommen
wären. Aber dieses Zusammentreffen ist nur Spiel des Zufalls; die
,Fische' stehen auf ganz anderer Grundlage, als jene Komödien, sie
gehen in der märchenhaften Eichtung nicht auf.
Die Athener und die Fische lebten lange Zeit in einem zwar
nicht erklärten, aber sehr heftig geführten Krieg. Unzählige Fische
mussten ihr Leben ruhmlos auf den Bratpfannen der Köche be-
schliessen; unzählige Athener wurden dafür — sei es dass sie in
einer Seeschlacht für das Vaterland gefallen waren, sei es dass ein
Unglücksfall sie der stummen Brut überliefert hatte — von den
Fischen verspeist. Man begann sich beiderseits nach einer Einstel-
lung der Feindseligkeiten zu sehnen; endlich ergriff der Knurrhahn,
den wir aus den ,Ameisenmenschen' kennen, die Initiative, und es
wurde Frieden geschlossen. Die Gefangenen wurden herausgegeben;
die Athener verpflichteten sich ausserdem, diejenigen Mitbürger,
Mitbürgerinnen und Nichtmitbürgerinnen auszuliefern, die sich die
Die .Fische^ 41
Mensehenrechte angemasst hatten, während schon ihr Name ihre
Zugehörigkeit zu den Fischen bewies — ähnlich wie wenn man in
Deutschland den Herren Hecht, Barsch und Zander das Becht be-
streiten wallte, sich zu den Menschen zu zählen. Ein feierliches
Opfer schloss die Verhandlungen, bei dem der Orf, gleich seinem
Namensvetter Orpheus, Priester des Dionysos, als Opferer fungierte.
Das Märchen konnte dem Dichter nur die Möglichkeit geben,
die Menschen mit den Fischen in Berührung zu bringen; und leider
ist es gerade dieser Teil der Komödie, von dem wir nichts wissen (32).
«
Was sie erstrebten, diese Dichter, deren Beste auch in der
Weltlitteratur zu den Besten zählen — war es nur der Ruhm, eine
massige Menge während einiger Stunden unterhalten zu haben? War
es der Siegerkranz ganz allein, der ihre Entschliessung rechtfer-
tigte, soviele Tage, Wochen, Monate vom Verkehr abgeschlossen, in
der Stille ihres Studierstübchens zuzubringen — eine Entschliessung,
die kein Athener einem Athener ohne Weiteres verzieh?
Was wollte die Märchenkomödie? oder besser, was wollte das Mär-
chen überhaupt? Das werden diejenigen uns nicht sagen können, die
in jedem goldenen Apfel eine schielende Anspielung auf die Sonne,
in jedem silberneu Schlüssel einen verlorenen StraTil der Mondsichel
erblicken. Seine Quelle muss lauterer sein, als die auch noch so un-
bewusste Sucht, der unschuldigen Nachwelt ungeniessbare Rätsel
aufzugeben.
Der Wunsch ist der Vater des Märchens; im Wunsch geht es
rein auf, ohne jeden Rest.
Wenn die arme Sklavin, vom verfrühten Hahnenschrei aufge-
schreckt, sich träge und traurig erhebt, um an die harte Frohnar-
beit zu gehen; wenn ihr unter dem eintönigen Knirschen der Hand-
mühle die bleischweren Augenlider zufallen und die Traumgestalten
ihr nächtliches Wesen fortsetzen; die Türe leise aufgeht, eine schöne,
weissgekleidete Gestalt hereintritt, ihr die Hände vom quälenden Ge-
rät wegzieht, und sie sieht, wie wunderbar rasch das Korn schwin-
42 Wunsch und Häkchen.
det und die Mehlhäufchen wachsen — der ööttin ist es ja so leicht !
wenn dann plötzlich die scheltende Stimme der Hausfrau die lieb-
liche Vision unterbricht und sie an die unfertige Arbeit mahnt —
ja, was wollte sie mit ihrem Märchen, dass sie in späteren Jahren
als alte, schwache Wärterin den Kindern erzählt? Ist nicht in Wahr-
heit dieses Märchen ein seufeer- und tränenreiches Gebet, das täg-
lich wiederholt an die ehernen Pforten des Himmels klopft, bis sie
endlich, nach Jahrhunderten, springen und die holde Erfüllung an
der Schwelle erscheint?
Die Erfüllung? Kann denn bei einem Märchen von Erfüllung
die Rede sein? Und doch war der Wunsch unserer Sklavin erfüllt,
als Antipater ^) den Arbeiterinnen die fröhliche Botschaft verkün-
dete :
Schonet die malilende Hand, ihr Mägde, und schlummert in Frieden,
Oh auch des Morgens Nahn kündet der Hähne Geschrei.
Euch zu erleichtern die Qual hat Demeter den Nymphen befohlen;
Schaut, wie sie jauchzend den kränz stampfen vom wirbelnden Rad,
Schaut, wie die Axe sich dreht, wie das Kad mit gewundenen Speichen
. Emsig die Last von vier wuchtigen Steinen bewegt!
Golde^e8 Weltzeitalter, du kehrest zurück! Wir geniessen
Frei von Sorgen und Müh, was uns Demeter geschenkt.
Vier Jahrhunderte hatte die Erfüllung auf sich warten lassen; jetzt
aber war sie gekommen: die Wassermühle war erfunden. Ein unge-
heuer er Fortschritt, auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens; und
doch wie wenig im Vergleiche zu dem, was spätere Jahrhunderte uns
brachten, was der Weltsommer vor seinem Scheiden uns noch bringen
wird! Und wenn wir mit freudigem Staunen die Erfolge des mensch-
lichen Strebens begrüsseu und mit sicherem Blick in die Zeit hin-
überschauen, welche das Sklavenjoch der Menschheit gänzlich spren-
gen soll, so dürfen wir nicht vergessen, dass vor vielen Jahrtau-
senden ein kindliches Gemüt diese Zeit im Wunsche vorausahnte,
und dass ohne den Wunsch auch die Erfüllung nicht möglich ge-
wesen wäre.
»rAnth. Pal. IX, 418.
ANMERKUNGEN.
Die folgenden Anmerkungen haben einen doppelten Zweck. Zunächst
wollte ich für manche Behauptungen im Text die Belege und, wo es sich
um Hypothesen handelt, die Rechtfertigung bringen; ferner das Material
zusammentragen, welches für eine Reconstruction der altgriechischen Mär-
chen von Bedeutung sein könnte. Freilich war es für mich, der ich auf dem
Gebiete der Märchenkunde kein Specialist bin, nicht möglieh, hierin Voll-
ständigkeit anzustreben, oder auch nur diejenige Reichhaltigkeit, die ein
«Folklorist» von Fach angestrebt und erreicht haben würde; blose Paral-
lelen anzuführen konnte mir um so weniger in den Sinn kommen, da die
Sammlungen von Hahn, Gonzbnbagh (Reinh. Köhleb) und Aqahaobeb'b
deren genug bieten. Und da für mich die modernen Märchen nur insofern
wichtig waren, als ein Zusammenhang zwischen ihnen und den altgriechi-
schen erwiesen, oder doch angenommen werden kann, so glaubte ich ge-
trost den ganzen westeuropäischen Märchenschatz ausschliessen zu können.
Um so mehr war eine Berücksichtigung der slavischen Märchen geboten,
da gerade sie, nächst den neugriechischen, die allermeisten Berührungs-
punkte mit den althellenischen bieten; wie denn auch z. B. die Homerische
Polyphemsage bei keiner anderen Nation eine nur halbwegs so genaue Par-
allele findet, wie das urwüchsige russische Märchen vom «einäugigen Scheu-
sal» (JIhxo o^fiorjEasoe b. AoAHAC&EB'b III. S. 100 f.) und das serbische vom
Divljan (b, Eabadziö S. 147 f.); wie wir denn auch in der kleinrussischen
,H6xe Juha mit dem eisernen Fass' (6a6a-Dra, sajissa Hora, b. Pfa-
HEHKO I, S. 87) die leibliche Schwester der altgriechischen ,£mpasa mit
dem ehernen Fuss' begrüssen.
Hier die vollständigen Titel der benutzten Märchensammlnngen:
Griechische und albanische Märchen. Gesammelt, übersetzt und erläu-
tert von J. G. V. Hahn. 2 Tle; Leipzig, Engelmann 1864.
44 LiTTBRATUR.
Griechische Märchen, Sagen und Volkslieder, gesammelt, übersetzt ond
erläutert von Bbbnh. Schmidt. Leipzig, Teabner 1877.
Sicilianische Märchen. Ans dem Yolksmnnd gesammelt .von Laub\ Gon-
ZBNBAOH. Mit Anmerkungen Reinhold Eöhler's und einer Einleitung her-
ausgegeben von Otto Hartwig. 2 Tle.; Leipzig, Engelmann 1870.
Der Pentamebone oder das Märchen aller Märchen von Giambattista
Basile. Aus dem Neapolitanischen übersetzt von Felix Liebrecht. Nebst
einer Vorrede von Jacob Grimm. Breslau, Max 1846^
Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Gbiicm. Grosse
Ausgabe. Elfte Auflage. Berlin, Hertz 1873.
Walachische Märchen, herausgegeben von Abthub und Albebt Schott.
Mit einer Einleitung über das Volk der Walachen und einem Anhang zur
Erklärung der Märchen. Stuttgart und Tübingen, Cotta 1845.
Srpske narodne pripovijetke. Skupio ih i na svijet izdao Vuk Stepa»ovi6
Eabadzic. Drugo izdanje, u Becu 1870.
Narodne srbske pripovidke, skupio i na svet izdao Anastasije Ni-
xoLid. Prvasvezka. U Beogradu 1842 (diese Sammlung kenne ich nur aus
dem Auszuge bei Xy;i(jiKOB'ii. Maxepiaja aäh Bsy^eniA napoAHofi cioboc-
hocth; CaHKT-IIeTepöypr'B 1863.)
Sto prostonärodnich pohädek a povesti slovanskych v n4recich püvod-
nich. Vydal Kabel JabomIb Ebben. V Praze, Kober 1865.
Lud. Jego zwyczaje, sposöb zycia, mowa, podania, przyslowia, obrz^dy,
gusla, zabawy, pieäni, musyka i tance. Przedstawil Oskar Kolberg. Krakow
(Ser. XVII erschien 1884).
Bajarz polski. Ba^ni, powieSci i gaw^dy ludowe. Opowiedzial A. T.
GlinSki. Wydanie trzecie. T. I— IV. Wilno, u Krasnosielskiego 1881.
HapoAHHfl pyccKiH csaaRH A. H. Aoahacbeba. HsÄauie BTopoe K. Coj-
ÄBieHKOBa. 4 T. MocKBa 1873 y FpaneBa.
BejHKopyccKia cKasEH H. A. Xy^aEOBA. 3 b. C.-üeTepöypr'b 1862.
HapoAHHH loSHopyGCEiA CBasKii. HsAajE'B H. Py^^HKO. 2 B. RieBi 1869.
!♦ Hahn I. S. 156 ff. In einem andern Märchen (U, S. 286) kommt
der Hundskopf zu einer Frau, die hatte drei Knaben, welche sie gar nicht
hören wollten; die klagt ihm, was sie mit den ungezogenen Kindern aus-
zustehen habe; da holt er sie alle drei nach einander. Daraus scheint her-
vorzugehen, dass dieser GxuloydfOL'k'koq ein Popanz ist, mit dem man die
unartigen Kinder schreckt. So hörte ich im Mugello die Kinder mit dem
uomo dei gatti schrecken, der im «Katermann» des deulschen Volksglau-
bens (Gbimm^ deutsche Mythologie I, S. 416) eine Analogie findet. Im bnl-
garischon Märchen vom «Müller» (BOAeuH'iap'B, mitgetheilt von Xy^flEOB's,
Maxepiaiu S. 15 f.), das dem deutschen «gestiefelten Kater» entspricht,
spielen die Hundsköpfe (neconaBi^a) die Rolle des Menschenfressers; in
Der Hündskopf. 45
der Ukraina versteht man anter necerojiOBmi geradezu Biesen (Ae^HACbEB'b
lY. S. 126, der auf HyacBHBCKift, Mopciofi ctfopBHKi 1856 J\&14 verweist),
lieber das fabelhafte Volk der KuvoxefaXoi in der griechischen Sage vgl.
RoHDB, der griech. Boman S. 175 A.
Ob flbrigeus der Zug, dass der Hundskopf die älteren Schwestern frisst,
welche die Speise verächmäben, fdr urspranglich zu halten ist, möchte
ich bezweifeln. In einem andern Märchen (B[ahn II, S. 67) schickt der
Mohr'), der hier ftlr den Hündskopf eintritt, die älteren Töchter^ welche
die ihnen vorgesetzten menschlichen Körperteile liegen lassen, der Mutter
zurück; über jsie hat er also keine Gewalt. Allerdings ist zu berücksichti-
gen, dass die beiden ersten Glieder einer Trigemination secundftre Schö-
pfungen sind, die fortwährend neu erzeugt werden können, und dass gerade
sie auf Ursprünglichkeit den geringsten Anspruch erheben djlrfen. So wer-
den in einem anderen parallelen Märchen (Schmidt S. 122 ff.), wo statt
des Hundskopfes Beizebub erscheint, die Ungehorsamen versteinert.
Nach meiner Deutung oben im Text gibt der Hundskopf dem Mäd-
chen Hundefutter zu essen, um sie zu seines Gleichen zu machen. Dass
gleiche Speise assimiliert, ist ein uralter Märchenzug. So lautet auch die
meines Erachtens ursprüngliche Fassung des Märchens vom «Brüderlein
und Schwesterlein» (Gbimbc JVs 11) im russischen Märchen (AeABACSEB'B
II, S. 507) folgendermassen: Hans und Helenchen kommen an einen Teich,
an dem Kühe weiden; Hans will trinken. Helenchen meint: thu*s nicht, du
^ würdest zu einem Kalbe; welter zu einem Fluss, an dem Pferde weiden:
i du würdest zu einem Füllen; zuletzt zu einem Wasser, an dem Ziegen
weiden; Hans trinkt und wird zu einem Böcklein. Anderswo kommt Schnee -
weiss mit den Freundinnen zur Hexe (6a6a-Bra), die ihnen eine ekelhafte
Speise vorsetzt; Schneeweiss isst allein das Vorgesetzte auf, während
i die anderen nur so thnn, und bei der Probe ihre Portion aus dem Ärmel
wieder hinausschütten; dafür werden diese entlassen, Schneeweiss muss bei
der Hexe bleiben (XvAflKOB'B III, S. 87 f.). Eine ähnliche Auffassung liegt
dem Midasmärchen im Ssidikür (Benfbt, Pantschatantra I, S. XXII) zu
Grunde, Der König mit den Eselsohren tötet, damit sein Geheimnis nicht
ausgeplaudert werde, alle Knaben, die ihn rasieren. Den einen rettet die
Mutter dadurch, dass sie ihm ein mit ihrer eigenen Milch gerührtes Bröt-
chen mitgibt. Der König isst es auf, wird dadurch zum Milchbruder des
Knaben und lässt ihn am Leben.
fr
^) Neugrlech. 'Apa7ra(; oder {j.aOpo^? Im letzteren Falle wäre der Teufel gemeint
({jiaupo; Beiname des Teufels B. Schmidt, Yolksleben der Neugriechen S. 175), wo-
za auch die spukhafte Art stimmen würde, wie der Mohr dem Weibe erscheint
(cf. Ohim^ b. Gonzenbach I, S. 140 und das Märchen würde sich mit dem folgen-
den decken.
46 Telonbs.
Was nun endlich die Gestalt des Handskopfs anbelangt, so spielt er
in den Märchen ganz die Rolle des ital. orco=Orcas, und es wird in ihm
der Todesgott zu erkennen sein; in der griechischen Symbolik ist der Hand
chthonisches Tier, and Kerberos ist wohl nichts anders, als der zum Attri-
bat degradierte theriomorphe Unterweltsgott. Dass die christliche Sage ihn
darch den Teafel ersetzt, ist darchaas nattlrlich.
•
2. Charybdis heisst er Ritt. 248. Dieser Vers liefert, wenn ich mich
nicht sehr täusche, für die im Text aufgestellte Behauptung ein drittes
Beispiel.
Hocie, TTOie tov TrocvoupYov xal TapaStTTTuociTpaTov
Kai T£>>(ovy)v 3cal (fx'Xx'^^OL xal j^^dcpußSiv . apxayo?.
rufen die einstürmendeu Ritter. ^xXayya, «Giftspinne» ist die Lesart des
Venetus; sie scheint mir viel bezeichnender als das farblose (pdcpaYya «Kluft»
des Ravennas. Das Wort, das mich nachdenklich macht, ist te^wv?)«;. Kock
erklärt: habgierig wie ein Zollpächter; aber man darf nur die ausge-
schriebenen Verse ins Deutsche übersetzen, um zu erkennen, wie uner-
träglich matt diese Erklärung ist.
Stellen wir einmal die phantastischen Epitheta, die Kleon bei Ari-
stophanes hat, zusammen. Er heisst Wesp. 1036 und Eir. 759 einfach ein
Ungetüm (T£pa(;) mit hundert Köpfen, eine Lamia und ein Seehund;
Wesp. 35 ein Wallfisch mit der Stimme einer angesengten Sau; Ritt. 956
(vgl. Wölk 591) eine schnappende Möve; Wesp. 902 tritt er als Hund auf;
Eir. 47 wird er mit einem Mistkäfer verglichen. An unserer Stelle ist
Charybdis ein Ungeheuer, (paXxy^ auch nicht viel besser und Tapa^tTTTro;
ein Gespenst, das Pferde scheu macht (cf. Paus. VI, 20, 15 ff.). Wie nimmt
sich nun in solcher Gesellschaft der «Zollpächter» aus? — Da ist nun zu
beachten, dass 6 ts^wvt]^ bei den Neugriechen gleichfalls einen verderb-
lichen Geist bedeutet. (Schmidt, Volksleben der Neugriechen I, S. 171 ff.).
Der Name ist echt griechisch, wenn auch rätselhaft ^); sollte die Ver-
mutung zu kühn sein, dass Aristophanes diesen Geist im Sinne hatte?
Der TeXwvT)? bringt den Schiffern Unglück, wenn er sich als St. Elms-
^) Schwerlich richtig ist die von Schmidt nach dem Vorgang von Dücangb
aufgestellte Erklärung, wonach die xeXcovta dem Missverständnis einer Evange-
listenstelle ihre Entstehung verdanken; ein Missverständnis kann doch keine
Gestalt des Volksglaubens ins Leben rufen. Dazukommt, dass der auf diese Weise
hergeleitete Begriff des TeXcovv); nicht einmal den ganzen Wirkungskreis dessel-
ben umfasst; oder wie will man den teXcSw); des St. Elmsfeuers oder den Brun-
nengeist (cf. Wachsmut, das alte (Griechenland im Neuen, S. 58) aus den {popoXo^oi
der Lucascommentatoren herleiten?
DbrQoldhahn. Der Tierschwaoer. 47
feuer auf den Mast setzt, ebenso, wie der Tapa^tT^üo; die Pferde auf der
Rennbahn, erschreckt und den Lenker ins Verderben stürzt; mit diesen
beiden Bezeichnungen wird Kleon als der Feind der Bitter sowohl wie
der Schiffer bezeichnet, die zusammen die Wehrkraft Athens ausmachten.
Als Analogie können auch die rnzioi'koi («Alpe») dienen, mit denen« Aristo-
phanes die Sykophanten meint (Wesp. 1038 f.); ein neuer Beweis dafür,
wie gern der Dichter seine Vergleiche der heimischen Märchenpoesie
entnahm.
3« Von diesem — freilich internationalen — Märchenanfang kennen wir
auch die altgriechische Fassung: 7)v oütco yspwv 3ca\ ypocu? (Ar. Wesp.
1182Schol.)
4^ Hahk II, S. 85 ff. Das parallele polnische Märchen (Glinski II, S.
177 dziadku i babce, o kogutku 1 kurce, o lisie i wilkn) entbehrt gerade
des fraglichen Zuges, dass der Hahn sich mit Leidenschaft von' Goldmün-
zen nährt. Im entsprechenden serbischen Märchen (NiKoud JVjIO) ist eine
interessante Wandelung vor sich gegangen: da das Dukatenessen des Hah-
nes im Volksglauben keinen Boden fand, musste der König dem Hahn
Goldstücke mitgeben, um ihn los zu werden. "Weit näher kommt der
griechischen Fassung das polnische Märchen (Lud. VIII, S. 75), wo der
Hahn die Goldstücke im Koffer auffrisst; noch näher das kleinrussische
(Py^HEHKO I, S. 37). Nicht nur dass der Hahn sich in der Schatzkammer
an Goldstücken vollfrisst, er verdaut auch regelrecht das Gefressene und wie
die Hausfrau die Bescherung erwartet, ist jgrosse Enttäuschung das Re-
sultat. Also ganz der aristophanischen Stelle entsprechend. Was nun die
Deutung dieses Märchenzuges anbelangt, so ist es mir durchaus wahr-
scheinlich, dass ihm ein tatsächliches Verhältnis zu Grunde liegt, — das-
selbe, das unseren Münzenfälschern, wenn sie «Jahrhunderte machen» so
treffliche Dienste leistet.
Als entferntere Analogie könnte man die Goldgans im Pentameeonb(J\&14)
heranziehen; eine vollgiltige Parallele ist sie deswegen nicht, weil sie sich
nicht zuvor an Goldstücken vollfrisst — worauf es uns gerade ankommt.
Sie gehört demselben Vorstellungskreise an, wie der Goldesel daselbst
(J\& 1; vgl. Hahn I, S. 252; Gbimm Jß 36), und beide sind möglicherweise
groteske Umgestaltungen der bekannten Henne, die Goldeier legt.
5* Hahn I, S. 180 ff. Aehnlich ibid. S. 131 ff. («von dem Prinzen und
der Schwanenjungfrau»). Die Neraide erlangt durch List ihr Kleid wieder,
dessen Besitz den Prinzen zu 4hrem Herrn machte ; sie entflieht und ruft
ihm zu, er solle sie in der «gläsernen Stadt» suchen. Nach dieser fragt er
nun überall, aber vergebens, bis eine zauberkundige Frau alle Vögel 'zu-
48 Melampus.
sammenruft; ein Schnapphahn, der sich zuletzt einfindet, weiss ganz allein
am ihre Lage und leitet den Prinzen dahin.
In den Alamalakusen einen Anklang an Nef sXoxokxuyco^ zu suchen, dflrfte
gewagt sein — ^ andrerseits freilich würde wohl niemand im «Fifilist» des
mssiscfaen Märchens (s. Anm. 13) den hellenischen Phönix wiedererkennen,
wenn eine Variante nicht zufällig dafttr die Form «Finist» hätte. Aher die
«Krystallfelder» erinnern elnigermassen an die vif 6ßo>.a TueSta (V. 952)
unserer Wolkenstadt. Doch würde diese Frage eine längere Untersuchung
erfordern.
Die Missgestalt des wissenden Vogels (Schnapphahn, lahmer Habicht)
hängt mit der Märchenauffassung oje hässlicher, je klttger« zusammen;
auch der aristophanische Wiedehopf ist der hässlichste aller Vögel. Im
polnischen Märchen ist es ein alter Habe, der zur Vögelversammlung
kommt, die der Einsiedler einberuft, um den Wohnsitz des Goldvogels zu
erfahren (Lud. VIII, S. 49). In einem russischen Märchen, das manche
Ähnlichkeiten bietet (AeAHAOBEBi I, S. 492) werden umgekehrt erst die
Vögel, dann die Tiere befragt; die wissende ist eine einäugige Wölfin
(RpHBaA BoiHHua). Dcu Zug, dass der wissende Vogel zur Versammlung
gar nicht kommt und erst besonders geholt werden muss, konnte Aristo-
phanes begreiflicherweise nic&t brauchen; aber er ist echt hellenisch. In
der Melampussage scheint etwas Ähnliches vorausgesetzt werden zu müssen
( . . . Tou? otwvou? Tupo^exaXedaTO. IIapaY6vo(i.evou 8e tou alyv^TTtou Tuapa
TouTou [/.avddvet Syi xtX.; S. Anm. 7). So bleibt auch bei Lucian (Phi-
lops. 12) die älteste Schlange zurück (utto yiQpcd^, oTpiat, 6^6p?ru<rai [/.in
Suva[i.6vo;^77apa)cou(7a<; tou TupoexTaYji.aTo; cf. Hahn a. 0.: rmr den
SchnapphaJm habe ich ausgelassen^ weil er so schlecht 0U Fttss ist) und
muss besonders geholt werden.
Dass der Tierschwager ein verwunschener König ist — diesen Zug bie-
tet das hellenische Märchen; für das neugriechische mussten wir ihn aus
einer neapolitanischen Variante ergänzen (Pbntambbohe J\& 33), welche
auch sonst das neugriechische Märchen vielfach verbessert, von dessen er-
staunlicher Gedankenarmut schon die misslungene Trigemination zeugt.
Schwager Tiger befragt zum zweiten Mal die Tiere, nachdem schon Schwa-
ger Cöwe constatiert hatte, dass sie das verlangte nicht wissen! Das neapo-
litanische Märchen hat als ersten Schwager den Hirsch, als zweiten den
Falken, als dritten den Delphin.
6* KoupouvY) Hahn II, S. 284. Auch hier muss es eine hinkende
Krähe sein.
7* In der Tat ist die Melampussage unbeschadet ihrer chthonischen
Bezüge (vgl. H. D. Mülleb, Mythologie I, S. 161 ff.) ein echtes Tiermär-
chen. Melampus versteht die Sprache der Vögel, und als er dem Iphiklos die
Das Rote Meer 49
^ Ursache angeben soll, warum dessen Sohn krank ist, ruft er alle Vögel
zusammen; alle kommen bis auf einen Geier; er ruft auch den Geier, und
^ der weiss es (Apollodor I, 9,. 12; vgl. Egbert, de Apollod. bibl. S. 35 ff.).
* Ähnlich ein neugriechisches Märchen (Hahn I, S. 218 ff.): der. Held lernt
K die Sprache der Vögel und heilt die Königin. Die Vögelversammlung ist
-' hier ausgelassen, wodurch das Märchen inconsequent wird; man begreift
': nicht, wie der Held, der nur die Sprache der Vögel kennt, sich mit der
£ Kröte im Leibe der Königin unterhalten kann.
V Der Geier kommt als wissender Vogel auch in einem walachischen
: Märchen vor (Schott S. 148). Mutter Sonntag (=Kupta)t7i=Ba(7i>.£ta?) ruft
£ mit ihrer Zauberflöte alle Tiere, und Vögel (zusammengezogene unvoll-
; ständige Trigemination) zusammen, um die Wohnung des Drachen zu er-
L fahren, der die Königstochter geraubt hat Der Wissende ist ein lahmer
Geier; da er nicht fliegen kann, nimmt ihn der Held mit aufs Pferd; er
t zeigt ihm den Weg (wie auch im polnischen Märchen Lud. VIII, S. 29
: das Vogelungetüm [ptaczysko] sich zum Helden aufs Pferd setzt und ihn
: wider seinen Willen zu seinem Glücke führt) und läuft beim Ziele davon.
8* Das Kote Meer ist auch im modernen Märchen das Wundermeer.
Am Ufer des Koten Meeres wohnt der verzauberte Königssohn des deut-
schen Märchens vom'Löweneckerchen (Gbimm JVs 88); und am blutigen
Meer (krwawe morze) liegt die Stadt, wo der verwunschene Prinz, der
im polnischen Märchen dem apuleischen Amor entspricht, als Drache seine
Kesidenz hat (GlinskiII, 122 ff.). Dort gibt sich auch das. blutige Meer am
deutlichsten als der Oceanflnss zu erkennen, der das Diesseits vom Jenseits
trennt. Am Roten Meere (czerwone morze) befindet sich der Jungbrunnen
(mtoda woda) und die Königstochter, die nie einen Mann zu Gesichte
bekommt (Lud. VIII, S. 72). Am Roten Meere (cervenö mofe) hält im
mährischen Märchen (Kulda, Moravsk^ närodne pohadky S. 760 = Eb-
ben S. 41) der Drache (drak) die Prinzessin gefangen; und diese Vorstellung
ist den slavischen Völkern so geläufig, dass wir sie in einem slovenischen
Märchen (Skultbty a Dobbinskt, slovensk6 pövesti I S. 350 = Eubbn
S. 67)an einer Stelle finden, wo wir gar keine zauberhafte Situation erwar-
ten. Im russischen Märchen spielt bekanntlich das Schwarze Meer (^ep-
Hoe Mope) diese Rolle. ^epnoMop'b ^) ist das chthonische Ungetüm, wel-
ches die Schönen dieser Welt ins Jenseits holt. Sollte in diesem märchen-
haften ^epHoe Mope nicht ein durch die geographischen Verhältnisse be-
günstigtes Missverständnis des HepHHoe Hope = Czerwone morze, «Rotes
Meer» liegen?
') Allerdings liegt bei letzterem die Ableitunp; yod uopa=Mapa ebenso nahe,
so dass HepHOMop-b auch «der schwarze Mar, der Nachtmaro bedeuten könnte.
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ior tiit JLktit^ — üif LLrf: is tzjt i*'>-!: "»^ r iJ^^iiiL i^^ V jlxt — xnt n*
"i»*a ';•! At^ ^ r\ a:- r a- -ris^ Jtut zurn 2i-L..t:.-j^i\i- "i*ti ^ i'mgTt:
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*- 1' "f. ^^-rLTr*-
jC ;Lr.'i i»*r ^'i«^ tztc — xi«:-^ rV-. ---: ~^ ir^ iZiiJLirpt:! int Xferii'fn.
♦Juii 'äu i:.!:'-! ti*r ~ <r»Lj xi'i-^n. tz:: "i*ti HLlz:f Z- ^ 1*1 i. sk isc c»?
' ,a ▼■»
i. .
'JAUL * IT^U ^-t— LI. II*— »■ f.Ttfi^'r
Der Tierkönig. 51
Synkretismus zu einer Königin der Vögel geworden; cf. darüber Anm. 1 3).
Einen ,König der Vögel' — von dem es allerdings nicht klar ist, ob er
selber als Vogel oder als Mensch auftritt — haben wir in einem siciliani-
schen Märchen (Gonzbnbach I, S. 98); der Zusammenhang des ,Eönigs
der Vögel' mit dem König Stieglitz, der selber nie als Vogel erscheint, be-
weist, dass wir ein verblasstes Vogelmärchen vor uns haben. Die Arbeiten
des Mädchens verrichten Feen, dib der ,König der Vögel' durch einen
Pfiff versammelt; auch das ist Entstellung. In einem anderen sicilianischen
Märchen (Gonzenbagh I, S. 185 ff.) haben wir einen ^König der Vögel'
neben einem ,König der Raben' (Gedankenarmut wie im neugriechischen
Märchen s. Anm. 5); beide sind verwunschene Prinzen (parallel Pbkta-
MBBOHE As 33; cf. ferner Gonzbnbach I,'S. 203; II, S. 151). ImPENTAHB-
BONE ^ 44 verschafft sich Parmetella Federn zu ihren Matratzen, indem
sie laut ausruft, der ,König der Vögel' sei tot; die Vögel fliegen zusam-
men und rupfen sich vor Schmerz die Federn aus.
!!♦ Bei Hahn I, S. 109 ff. ist die Hilfeleistung noch indirect; die
dankbare Schlange gibt dem Helden einen Siegelring, der ihm die Ge-
walt über einen ,schwarzen Mann' gibt; dieser baut ihm das vom König
verlangte Schloss. Sehr gewöhnlich ist das Sichten verschiedener Getreide-
sorten, durch dankbare Ameisen besorgt; cf. Hahn II, S. 12; Gonzbnbach
11^ S. 152; ähnliche Aufgaben Gonzbnbach I, S. 189 f. Bei Gbimm J^ 107
bauen Bienen dem Schneider das verlangte Schloss aus Wachs. Eine durch-
schlagende Parallele — wo Vögel dem' Helden eine Mauer bauten — habe
ich nicht finden können; möglicher Weise haben wir im Pentamebonb J\& 35,
wo ein Vogel dem Miuccio drei Schlösser aus Pappdeckel baut, die Ent-
stellung eines solchen Verhältnisses anzuerkennen. Cf. auch das polnische
Märchen (Lud VIII, S. 44), wo Bienen dem Helden eine verwüstete Stadt
wiederaufbauen.
12. Der freundliche Warner und Berater des Märchens erscheint bald
als eine alte Frau (Hahn II, S.183; 289); bald als Moira (tu^» H, S. 280),
bald als ein alter Mann (II, S. 272) bald als ein ,göttlicher ]$fann'
(I, S, 162); bald als Mönch (II, S. 42). Das Verzeichnis könnte sich
leicht ins Unendliche vermehren lassen; ich habe mich mit Absicht auf die
HAHN'sche Sammlung beschränkt.
13. Für meine Behauptung, dass die Basileia eine Märchengestalt ist,
und nicht eine Fiction des Aristophanes oder Kratinos, habe ich frei-
lich noch ganz andere Gründe, als die im Texte angedeuteten. Eine aus-
führliche Darlegung derselben würde an sich eine umfangreiche Abhand-
lung erforderlich machen; man möge daher das Skizzenhafte der folgen-
den Auseinandersetzung vergeben.
4*
5 2 Basileu.
Wie in der Umgangssprache, so gibt es auch in der Mythensprache
Fremdwörter. Es gibt schwerlich eine Mythologie, in welcher der Wun-
dervogel nicht vorkäme; wenn aber dieser Wundervogel im russischen
Märchen ,Finist Hellfalke' (^hhhct'b — AceHi» coEOJt'B, AeAHACbEB'B II, S. 402)
— mit deutlichem Anklang an Phoenix (russ. ^hhhecb, Agahacbebii, nodx.
B033p. cj. II, S. 135), — oder ,Vogel Grib' (Fpflöi-nTHi^a, AeAHACbEB'B II,
S. 548) — mit ebenso sicherem Anklang ah ypu^ji — heisst, so haben wir
offenbar ein Fremdwort vor uns, zumal uns der echt russische Name
^Eapi-nTHita (Goldvogel, Glutvogel) bekannt ist. Dass die Namen der Hel-
den im — internationalen — Märchen von den »sieben Simeonen' (o ccmh Oe-
Mionax'B, AeAHACBSBi, I, S. 394 ff. = Gbimm J^ 71) auf russischem Boden
entstanden sind, ist klar, da sie hur des Anklangs wegen da sind; ebenso
klar ist es aber, dass der Märchenheld ,Makar das Glückskind' (Masapsa
ciacTJEHBHH, AoAHACBEB'b I, 228) griechischer Herkunft ist, da die Wahl
des Namens nur im Griechischen, wo (/.dcxap ,glücklich' bedeutet, Sinn hat;
dem Bussen ist Masapi» ein Name wie jeder andere. Dasselbe wird beim
Idoliszcze (HAOJHn^e = etScoXov) anzunehmen sein, und sonst.
Nun spielt in den russischenr Märchen die Wundermaid eine grosse
Rolle; sie tritt in mehreren Gestalten und unter mehreren Namen auf, wo-
bei ein vollständiger Synkretismus herrscht. Die Namen sind: 1) Anastasia
die Wunderschöne (AnacTacBA EpeEpacHafl); 2) Wasilissa die Weise (Ba-
CHJinca HpeMyApafl); 3) Schön-Helena Goldflechte (EieHa-Kpaca-sojroTaa
Eoca); 4) Maria Königstochter (Mapia-itapeEHa) und 6) Car-djewica (ItapB-
A'i^BHi^a, wörtlich: Eönigsmaid) — wobei freilich zu bemerken ist, dass die
Epitheta mannigfach wechseln. Ebenso wechselnd sind die Eigenschaften,
die diesen Wesen beigelegt werden; doch lassen sich drei Hauptgestalten
auseinanderhalten.
I. Die Hadbstochtbb. Sie ist die Tochter des Romeä BescMepTHQä
(poln. Ko6ci6j Nieömiertelny, der »unsterbliche Ko^ci^j', von ko6c=Knochen)
und wohnt in der Unterwelt, die meist tief unter der Erde gedacht wird
(z. B. AeAHACBEB-B I, S. 282 ff.); man steigt zu ihr durch einen tiefen Brun-
nen. Aber wie schon in Hellas die Vorstellungen von der Unterwelt nicht die
gleichen waren, und man sich den orcinus thesaurus auch wohl als ein Ge-
fängnis dachte (cf. H. D. Mülles, Mythologie I, S. 182), so hat auch un-
sere Hadesjungfrau ihren Wohnsitz öfter in einem Marmorschloss, von hohen
Mauern umgeben, über die niemand hinüber kann (Aoahacbeb'b II, S. 102 ff,).
Als Todesgöttin mäht sie die Menschen heerweise nieder (AeAHAOBEBi» I,
S. 483) und ist eine leidenschaftliche Jägerin (ebda). In einem Märchen
finden wir den Namen ,Anasta8ia Hadestochter' (AnacTacBA A^OBHa, s. Xv-
AAEOBi» I, As 18); es wird daher erlaubt sein, der ünterweltsgöttin vor-
läufig den Namen Anastasia zu geben.
IL Die Mebbbstochteb. Sie rudert fern im Ocean auf silbernem
Kahne mit goldenem Kuderj ihr Vater ist der Meereskönig (MopcEOÄ
Basileu. 53
uapB, BoAAHOu A'kAymKB.^ HyAO-K)AO 6e33aKOBHsfi etc.), ihr Geliebter der
Sonnengott, den sie beim Aufgang und beim Niedergang mit Meereswasser
besprengt, wovon er rot wird (Agahagbebi noaT. Bossp. cjiae. na np. U,
8. 129)^). Sie besitzt die Gabe sich zu verwandeln (passim, z. B. Xtääeobi,
III, S. 16 ff.). In einem Märchen finden wir den Nameu ,Maria Meeres-
, tochter' (Mapia Mopesna, s. AsAHACbEBt IV, S. 161); wir dürfen daher
der fraglichen Gestalt den Namen Maria geben. Maria als Meeresjungfrau
hat nichts Wunderbares; sie wird ja auch im Abendlande als maris Stella
begrüsst. Aber freilich wird der Name verhältnismässig neu sein; der
alte Name war ein anderer,^ wir werden ihn unter den übrigen Namen
des obigen Verzeichnisses zu suchen haben. Und da wir die Anastasia
- bereits anderweitig verwandt haben, und da Car-djewica nur die russi-
sche Übersetzung von Wasilissa ist, so haben wir zwischen dieser und
Helena zu wählen.
IIL Die Himmelstoghteb . wohnt hoch oben auf einem Berge, dessen
Gipfel den Himmel berührt (ßepxymKaMH Bt neöo ynepaeica, AeAHACbEBi I,
S. 268 ff.), in einem Palast von Diamanten und leuchtenden Edelsteinen
(canoaBiiTHKre KaHnn), von dem man die ganze Welt überschauen kann,
bei ihrem Vater oder Geliebten, dem Sturmwind (BnxpB). Dieser Bnxps
wird mit Recht mit dem obgenannten EAOJium,e ne^eciHBiiit identificiert
(AeAHACLEBi, no9T. B033p., II, S. 708), der auf geflügeltem Ross unter den
Wolken dahinsaust; Nun ist HAOinme Vergrösserungsform für häoii, /e't'So)-
Xov, ein Wort, mit welchem die heidnischen Götterbilder bezeichnet wur-
den; und unter ,Hauptidol' kann nur Perun, der slavische Zeus verstan-
den werden.
Ist nun die Meerestochter Helena und die Zeustochter Wasilissa, oder
umgekehrt? Die slavischen Märchen können bei ihrem Synkretismus die
Frage nicht entscheiden, wohl aber die hellenische Sagenkunde. Helena
ist die Hypostase der Meerestochter Aphrodite, sie wird^ selber von den
Schiffern im S. Elmsfeuer vjerehrt (Plin. N. H. II, 37, 101; Schol. Eur.
Or. 1637 ri 'EXevyj TOt? ;^et[ji.a^O(iLsvoic xxra daXa(y<7av {jtctqxoo; effTt.
ganz wie die Maria* des abendländischen Volksglaubens), sie ist Tochter
- des Okeanos nach Hesiod (s. PhblIiBe, gr. Mythologie II, 110), oder auch
einer Okeanine, der Schwanenjungfrau Nemesis — und unsere Meeres-
tochter tritt nicht selten als Schwanenjungfrau auf (JleöejiiB-KapeBHa, Aoa-
HACBBB'b, Ü09T. B033p. III, 139); uud der ,Goldflechte' entsprechen die ho-
merischen Epitheta r)U3co(iLo; (II. III, 329, VII, 355; VIII, 82; IX, 339;
XI, 369; 505; XIII, 766) und )taXXt)co[i.O(; (Od. XV, 123). Somit kann es
^) Vor Scham, fügt das Märchen albern genug hinzu. Offenbar haben wir
einen naiven Analogieschluss vor uns: weissglühendes Eisen wird rot, wenn
man es mit Wasser bespritzt.
54 Basilku.
nicht zweifelhaft sein, dass Schön-Helena die Meerestochter, Wasilissa dia
Weise die Himmels tochter ist; zu ihneo gesellt sich als dritte die Hades-
jangfiraa Anastasia, Eoiciej's des ,ünsterblicheo' Tochter.
Nun ist Wasilissa = griech. Bxaiki^^x^ Exfjikzix ^önigin^ Ist sie
Pemn s Tochter, so ist die Aristophanische Basileia Tochter des Zeus; Bx-
<7iXax ist femer Beiname der Zeostochter Athena, der weisesten Göttin,
nnd ,die Weise^ ist ständiger Beiname der Wasilissa. Somit verhält sich
Wasilissa zn Athena, wie Anastasia ,die Wnnderschöne^ znr griechischen
Todesgöttin nnd Jägerin, der Artemis KaXX&<rTr/, und die Meerestochter
Helena znr Meeresgöttin Aphrodite. Wir haben somit die Verhältnisse:
Athena
Bx-TlAslZ
BacHjiica
Aphrodite
Helena
Elena
Artemis
'^
AnacTacbfl.
Ein Name fehlt uns, an seiner Stelle steht das Fragezeichen. Wäre er
nicht zn finden? Zpm Y. 1536 der ,Vögel' besitzen wir das kostbare
Scholion :
auTo To TToxypLX w; yuvxixx . . .
(das ist natürlich verkehrt, schon weil das Metrum uns die Form Bxort-
Xstx, nicht Bx*7iX£tx verbürgt; darum ist auch Kock's Erklärung z. d. St.
die WeUJierrscfiaft^ des Zeus tvird zu einer schönen Jungfrau persmiifi-
ciert falsch. Derselbe Fehler auch bei Stbuding in Roschee's Lexikon d.
Mythologie s. v. Basileia ^).
. . . EuppOVtO;, OTt AtO; d'JYXTTjp T^ Bx«7lX£tX * XXl XoÄSt TO XXTX T7;V
adxvXTtxv xuTY) 0'aovoji.siv, T^v lyv. Tzxoi, tw Bxjc/'jX'.Stij r; *Adr,vx rw
TuSeT Sw<J0'J(7X T7)V adxvx«7jxv . . .
(damit wäre auch die Basileia als Hypostase der Athena mit klaren Wor-
ten bezeugt)
...Igti SI TLXi xxpx KpXTivw riBxdiXetx • evtot Se xuTrjv'AdxvXTt av
xxXoudtv.
Da haben wir den fehlenden Namen. Aus dem seltenen und buchmässigen
'AdxvxGtx — AoanaciÄ hat der russische Volksmund das anklingende
M Bei Die Chrysostomus I, p. 15 M. ist allerdings BxTiXe'.a zu lesen, da dort
ein Gegensatz zur Tupawt; bezweckt ist. Dass diese Basileia oben auf einem,
nnzagänglichen Berge thront — ganz wie unsere Himmelstochter — ist möglicher-
weise aus der Tolkstttmlichea Vorstellung geschöpft.
Märchenbezüge. 55
AnacTacBfl gemacht — einen der gebräuchlichsten russischen Taufnamen.
Aber an ihrem Vater blieb der Name haften; Romefi heisst nie anders als
6e3CMepTHfiift, adavaTo;. Und in der That ist seine Tochter seine Unsterb-
lichkeit; sowie ihm die geraubt wird, stirbt auch er. Endlich wird es doch
erlaubt sein — so berechtigt auch das Misstrauen gegen mythologische
Etyma ist — darauf hinzuweisen, dass Artemis mit Athanasia ziemlich
gleichbedeutend ist. Über die Herleitung des Namiäns von aprsfinQ; wird
man doch nicht hinauskommen, und aprefi.'n; deutet auf dieselbe Eigen-
schaft hin, die auch im Beiwort aOavaro; enthalten ist; denn dass die
* Jungfräulichkeit nicht gemeint sein kann, hat man längst eingesehen.
14» Einiges möge hier nachgetragen werden. Auf die Frage des Dionysos,
wie Athen zu helfen sei, denkt sich Euripides folgende Scherzlösung aus
(Fr. 1437 flf.):
ex Tt; TUTspwffa? KXe6x.ptT0v Ktvyjdtoc,
aTpotsv aupai TueXaYtav irlp TrXaxa —
A. YsXotov av ^atvotTo * vouv S' lyst Tiva;
E. el vau[i.ocj^oT6v xkt' ^j^ovTe; o^toa;
patvotev et; tol ßXe^apa töv evavTiwv.
Der Einfall ist so uraristophanisch, wie nur einer der Spässe Wölk. 748 ff.
sowie dort der heimische Hexenglaube die Lösung nahe liegt, so hier, mei-
nes Erachtens, eine Märchenvorstellung. Sie kehrt in einem polnischen
Märchen (Glinski II, S. 23) wieder. Ritter Unverloren (Niezginek) besitzt
ein unscheinbares, schwindsüchtiges Rösslein (= 3aHopiiineEi» bei Aoa-
HACBEBi I, S. 185 ff.), das aber fliegen kann. Wie nun die Feinde die Stadt
belagern, schwingt er sich hinauf, fliegt durch die Luft über das feindliche
Lager und streut den Feinden Schlummerkraut (sen-trawa) in die Augen,
dass sie fest einschlafen, worauf er ihren König gefangen nimmt. Auch iu
unserem Falle wird der Inhalt der o^tSs; (= Flacons) ein Schlummersaft
gewesen sein, nicht Essig, was gar zu albern wäre. An Stelle des klapper-
dürren Wunderrössleins ist sein menschliches Ebenbild, der schwindsüchtige
Kinesias getreten.
Der Märchenvorstellung
ouSei; olSev tov d7)<jaup6v tov e(iL6v ttXyiv eY Tic ap' opvt?
(Vög. 601) entspricht der Zug im serbischen Märchen (Kabadziö S. 12)'
in dem zwei Raben (gavrana) dem Bauemknecht verraten, wo der Schatz
liegt Auch die Vogelmilch ist im slavischen Märchen ein beliebter Aus-
druck für den Inbegriff unerreichbarer Seligkeit; cf. zum Beispiel Aoa-
DACbEB'b III, S. 3.
56 Insectenäiast. BItselmärchen.
15» Der grossgefütterte Floh im Pbntambrone JV« Ö: er steckte ihn daher
in eine FlascJie^ mid indem er ihn alle Tage mit dem Blute seines eige-
nen Anns fütterte^ wucJis der Floh so gedeihlich heran, dass er ein a/n-
deres Quartier bedelien musste und nach Verlauf von sieben Monaten
grösser und feister tvurde als ein Hammel* Cf. Gonzbnbach, S. 136:
Da setzte der König die Laus in einen grossen Topf mit Fett und liess
sie viele Jahre darinnen. Als er aber eines Tages den Topf zerschlagen
liess, war die Laus zu einem solchen Ungetüm angewachsen, dass alle
Leute davor erschraken und der König sie umbringen liess. Ein ähnliches
Märchen mag der bekannten GoBTHE*scben Scherzballade zu Grunde liegen. *
An die Fiction'des Aristophanes erinnert auch etwas der Hahn, auf dem
der Lügner (Hahn I. S. 242) in den Himmel reitet.
Das Motiv der ,Eireno' — dass ein Sterblicher den Gott zur Rechenschaft
ziehen will ^— liegt auch dem walachischen Märchen von den drei Wunder-
gaben zu Grunde (Schott S. 204)» Doch kommt es hier nicht zum Fluge;
der Schöpfer begegnet dem Bauern auf der Strasse.
16* Schmidt S. 143. Eine Königin bei Theben sitzt auf dem Felsen
und gibt jedem drei Rätsel: wer rät, soll sie heiraten, wer nicht .rät, den
frlsst sie; das dritte Rätsel ist das vom Menschen. Der Schluss des Märchens
fehlt; Schmidt erwähnt noch andere Rätselmärehen als existierend, ohne sie
aber mitzuteilen; unter ihnen mag sich auch unser Kleobulinenmärehen
verbergen.
Die Fragmente der ,Kleobulinen' sind bis zur Trostlosigkeit unbedeutend;
nur eines erweckt näheres Interesse (87 K.):
2(7Tiv ax,{/.(ov */tal acpupa vsavicjc euTpij^t TuciXio.
Es ist ein vollständiger Hexameter, und da wir wissen, das die Rätsel
Kleobulinas ebenfalls hexametrisch waren, so ist die Annahme sehr wahr-
scheinlich, dass wir im ausgeschriebenen Verse den Anfang des Rätsels zu
erkennen haben, welches die Heldin ihrem Freier stellte. Freilich, wer
sieh an seiner Lösung versuchen wollte, der würde, fürchte ich, die Braut
nicht heimführen; das eine ist wahrscheinlich, dass unter dem jugendlichen
schönhaarigen Füllen' ein junges Weib zu verstehn ist; das braucht keine
entehrende Bezeichnung zu sein, — wie Meinbkb wollte — da auch Anakreon
seine Geliebte ein ,thrakisches Füllen' nennt (fgm. 75 B. 7c<SXe OprjxiT)).
'A>c[i.(ov und (7(p0pa sind bei Homer dem Goldschmied TretpaTOC ts^^vt); (Od.
3, 434); sollte unsere Heldin eine Goldschmiedin sein? Letztere ist eine
feste Gestalt des neugriechischen Märchens; s. QahnIS. 201 ff; cf. Zabnokb
Rh. M. 39, 1 ff. In einem polnischen Märchen (Glinski S. 32 ff.) gibt
Prinzessin Rosenwange (Krölewna RözoHca) ihren Freiern drei Rätsel auf
,was das Weiseste, Süsseste und Liebste sei'; dem Helden, Hans Dummling
SCHLARAFFENKOMÖDIEN. 5 7
(Jai§ gluptaö), verhilft das Rösslein Goldmähne (siwek zlotogrzywek) zu
seinem Glück. Da mass man unwillkürlich an die Rätselkomödie des Kra-
tinos und seinen eudpt^ ttcSXo; denken. Dieselben Elemente auch in einem
walachischen Märchen (Schott S. 171 ff.).
17» Dass wir über die Schlaraffenkomödien der alten Griechen ver-
hältnismässig gut unterrichtet sind, verdanken wir dem Fleisse des Athe-
naios, der uns VI, 267 E ff. die Titel der in Betracht kommenden Komö-
dien nennt und aus den meisten Excerpte gibt. Zu diesen Excerpten hätte
ich — da auf ihnen die Darstellung im Texte basiert — Folgendes zu bemerken:
Athenaios nennt folgende Komödien — und zwar, wie er selber sagt,
in chronologischer Reihenfolge: — 1) die ,Plutoi' des Kratinos. — 2) die
,Tiere' desKrates. — 3)die ,Amphiktyonen' des Telekleides. — 4)die
,Metallier' des J^herekrates. — 5) die ,Perser' desselben Dichters. —
6) die ,Tellerlecker' des Aristophanes. — 7) die ,PerservonThurii'
des M etagenes. — 8) die ,Sirenen' des Nikophon. Das , goldene Zeitalter'
des Eupolis fehlt in diesem Verzeichnis. Dass Athenaios, der einen Metagenes
und Nikophon nennt, einen Eupolis ausgelassen haben sollte, schien un-
denkbar; also, meinte Welgker, hatte das ,goldene Zeitalter' überhaupt
nicht das goldene Zeitalter zam Gegenstande, sondern das zeitgenössische,
das ironisch so genannt wäre. Wilamowitz und Kogk sprachen sich ent-
schieden für diese Auffassang aus, ohne zu bedenken, dass die Annahme
einer Titelironie — für die man sichdoehuicht auf die , wahrhafte Geschichte'
Lucian's berufen wird— -dem Fragmentendeuter den Gnadenstoss gibt. Gehen
wir der Frage etwas mehr auf den Grund.
Das Excerpt aus den ,Tierea" lautet folgendermassen:
Kpary); S' ev Oy)pioi(;
Itusitoc SouXov ouSl et; y,t'/,i:'f\(jtT ouSi SouXvjv,
B. QU Syfd' oSotTTopoOvTX yip ri ttxvt' eyro 7yOiv)<j(i).
A. Tt SyfTa toOt* auTo"i; TuXiov; ß. Tupo^sKiiv xu^* ex,a<7Tov
T(öv (T'^suaptcov, oTav xaX^ ti; . -jrxpXTtdou, Tpa7U£*(a u. s. w.
£^r)(; Sl (JisTÄ txOtx 6 tov svxvtiov toutü) 7uxpaXa[Aßavo)v Xoyov yridiv.-
aXX' xvTids? TOi. syd) yap xutx txjattxXlv
TX d£p(iLX XoUTpX TrpWTOV X^Ü) TOT<; £[/.0^
ETUl 3tt6vo>V <S;7U6p StX TOÜ TUXtOVlOU
STTt TT?; dxXXTTY);, <S;d* l'/tX(7T(i) pSUGSTXl *
el; TTJV TTUSXOV. SpSl Ö£ du?>a>9 «XV£J^£T2«).
ETTStT dXxßxGTo; £u^e(i); vi^st (AUpOU
auT6[Jt.XT05, 6 GTuoyyo; t£ xxl tx crxvSxXx.
Daraus folgert Kook: duos oratores mdmtos fuiss& qtwrum alter
nwUemvitam^simplicemnaturaeqm legibus conoenientemalter commendaret^
58 Hahnenfeder.
fadile apparet. Er scheint also in der Überlieferung keine weiteren
Schwierigkeiten gefanden zu haben. Da möchte ich aber zuerst fragen,
wie es denn komme, dass der Gegner auf die Tetrameter des Vorredners
e^Y^C in Trimetem antwortet; zweitens worin denn der Gegensatz zwischen
den beiden Rednern besteht. Eine moUisvita versprechen beide ihren An-
hängern; oder kann man sich etwas Bequemeres denken, als wenn die Geräte
wandeln und sprechen und die ganze Arbeit selber verrichten. Mir scheint
es offenbar, dass beide Bedner vom selben Standpunkte sprechen; mit anderen
Worten, dass zwischen den beiden Eklogen ein Lemma mit einer Ekloge aus-
gefallen ist, die im Geiste der Penia im ,Plutos^ abgefasstwar. Und da wir
des Eupo]i8 ,goldenes Zeitalter^ vermissen, so wird das Lemma so ungefähr
gelautet haben:
<
3c6v TLoCi (jw^pova ßtov sTuaivwv "kiyet, . . .
Damit fällt natürlich auch diese zweite Ekloge dem Enpolis zu; wer
etwa daran zweifeln sollte, dass sie ihm gehört, wird sich hoffentlich durch
das folgende Fragment überzeugen lassen (277 E.), das vom Scholiasten
des Aristophanes ausdrücklich unter den Lemma Ei>:7o>.t; Xpu<7ü) ylvsi an-
geführt wird:
AotTwO«; yap ouSet«; • y) Tpo^aXl; sKsivr/i
Hier wie dort ist von der Belebung unbelebter Wesen die Rede, hier
wie dort müssen sie nach dem Wasser gehen. Auch das Metrum ist das-
selbe; nicht immer hat der Zufall so gut gewaltet.
18» Die Hahnenfeder des Lucian vereinigt somit zwei Eigenschaften,
die getrennt und verbunden ziemlich häufig vorkommen, und zwar in be-
deutsamer Verbindung mit den Vögeln. Die, Eigenschaft, dass alle Thüren
vor ihr aufspringen, ist der Springwurzel eigen, über die cf. Gbimm D. M II,
S.' 812 f.; III, S. 289. Ihr Vorkommen ist nur einem Vogel, dem Spechte
bekannt, und man erlangt sie, indem man sein Nest zuspundet. Man schreibt
ihr, wenn auch nicht allgemein, die Gabe zu, unsichtbar zu machen. Über
das analoge slavische Perunskraut (auch paspHB-B-Tpana, rozryw ziele ge-
nannt) vgl. AoAHACbEB'B no3T. B033p. II, 397 ff. Die Gabe unsichtbar zu
machen ist sonst — abgesehen von der Nebelkappe, die von einer ande-
ren Anschauung herzuleiten ist, einem besonderen Steine eigen (die elitro-
pia BoooACCio's), von dem man glaubte, der Zeisig lege ihn in sein Nest,
um es den Äugen der Menschen zu entrücken (Gbimm D. M. III, S» 289). Für
den Zeisig tritt im polnischen Märchen der Rabe ein (Lud XVH, S. 141)
WANDELOERiT. LÜGENMIRCHEN. 59
19» Hahn I S. 74. Der sprechende Löffel führt die Versöhnung des
Aschenputtels mit dem Königssohne herbei, doch erscheint der ganze Zug
etwas unorganisch eingeflochten. Sprechendes Hansgerät wünscht sich auch
der Halbe I S. 106 (ebenso im parallelen polnischen Märchen der Dummling
Ofenhocker, Glinski I S. 170; hier ist das Wunder an die gastliche Insel
[go^cinna wyspa] gebunden) und die verstossene junge Fraul S. 267; man
sieht also, dass diese Vorstellung den Griechen geläuHg ist. Ähnlich com-
mandiert auch Lattughina bei Gonzenbagh I, S. 180 ihr Gerät; und im
Hause der Hexe, welche Angiola gefangen hält, sind die Stühle, Tische,
Schränke alle lebende Wesen, sie «ssen und sprechen (ebd. I, S. 342). Wo
der Zug im deutschen Märchen vorkommt — denn das ,Tischlein deck dich!^,
das übrigens auch in der Komödie des Krätes ausdrücklich erwähnt wird
(7:apaTidou TpocTueJ^a), Gbimm J\&36 (cf. der Krug, der alles thut, was man
ihm sagt b. HahnI, S. 253) ist eine zu beschränkte und darum unpassende
Parallele — da ist es deutlich als etwas Unheimliches, als ein Spuk gekenn-
zeichnet; so im' Hause des Teufels bei Grimh JV« 42. Zu vergleichen ist auch
das polnische Märchen (Lud VIII, 38,) wo eine gespenstische Hand alle
Geräte in Bewegung setzt.
Vom grossen Bruchstück ist V. 6
aÜTTQ 7i:apa(y>c£ua?^£ (yauxov* ^olttz duXa)ct(y>t£
sicher verderbt; ich übersetzte als ob Xe^y)«;, tu. (t. stände; doch soll das
keine Goniectur sein. Wie ein Sack zum Kneten kommt, das mögen Be-
rufene entscheiden.
20* Das Lügenmärchen steht bei Hahn I, S. 242. Cf. auch die ,Lügen-
wette' S. 313 f. Deuts sha und serbische Parallelen zieht Hahn a. 0. zur
Vergleichung herbei. Viel Verwandtschaft mit dem Motiv der ,Samier' hat
auch das GBiMM'sche Märchen vom Schlaraffenlande JV« 158, wo nicht sowohl
ein seliger Zustand als vielmehr lauter Unmöglichkeiten geschildert werden.
Vgl. den Schluss:.. da sah ich zwei Windimnde, brachten eine MüMe aus
dem Wasser getragen^ und eine alte Schindmähre stand dabei, die sprach,
es wäre Recht. Und im Hof standen vier Bosse^ die droschen Korn aus
allen Kräften^ und zwei Ziegen, die den Ofen heizten^ und eine rote Kuh
schoss das Brot in den Ofen. Da Tcrähte ein Huhn yKicheriJci, das Mär-
chen ist auserzäJdt^— Einen ähnlichen Lügenmärchenschluss bringt Xanthias
Fr. 51 x^t' lytoy' e^vjYpopiyjv. — Das Fragment ist übrigens verderbt; V. 4
habe ich übersetzt, wie es der Sinn, oder vielmehr der Unsinn verlangte.
Doch muss ich bemerken, dass der leichtbeschwingte Wolf (Tavu^Tspo;
Xv3co;) kein Unsinn ist, sondern eine Märchengestalt; wir begegnen ihm
wieder im ,wilk wiatrolot' des polnischen Märchens (Glinski I, S. 1 ff.,
= Wolf Windschwinge), der den Jan krölewicz oberhalb der rauschenden
60 Die ,Wilden^
Wälder^ unterhalb der schwimmenden Wolken trägt. Der ,Grauwolf (ci-
piifi BoiKi) im parallelen rassischen Märchen vom Iwan-Carewicz (Aoaba-
cbEBi II, S. 1 ff.) ist nur ein geschwinder Läufer; ebenso im walachischen
Märchen (Sohott S. 233 ff.). Was übrigens den Titel Za(it.ioi anbelangt, so
darf nicht übersehen werden, dass es bei Diphilos im ,Theseas' drei sa mi-
sche Jungfrauen sind, die sich in nicht eben jungfräulicher Weise mit
der Lösung des Bätsels ,was ist das Stärkste^ abmühen (fgm. 50 K.).
•
21. Der Mohr bei Hahn II S. 9; der Biese I S. 310. Sonst ist Helios
der eigentliche Vielfrass des neugriechischen Märchens (s. Schmidt, S. 231),
der nach Schmidt's allerdings noch zu begründender Ansicht aus dem anti«
ken Herakles hervorgegangen ist.
22* Über die Erklärung der Protagorasstelle s. ausser den Bemer-
kungen von Stallbaum noch Meinekb, Historia critica S. 71 ff. Die Be-
hauptung C. Hbineich's von der Identität der ,Wilden' mit dem ,Cheiron'
darf wohl für abgethan gelten, ebenso die Coniecturen y^fiitavdpwTroi und
(jLt^avdpwTuot für [j[.t(7avOp(d7rot. Ol sv r/tstvw tw X^pö [/.KravdpcoTTot darf nicht
so verstanden werden, als ob die Misanthropen den Chor gebildet hätten;
der Chor bestand, wenn auf Analogien irgend etwas zu geben ist, aus aypiot;
dem griechischen Sprachgebrauch gemäss bedeutet ev tw ^^opw ,in jenem
Stück' cf. — ein Beispiel unter vielen — Yög. 187. — Wenn Meineke freilich
sagt, im weiteren Verlauf des Dramas wäre es dazu gekommen, ut homines
Jiominum osores, cum inter feros immanesque homines recessissent^ mox
resipiscentes illam unde äbierant societatem hominum civilemqus vitam
requirerent, so imputiert er dem Pherekrates den Gedanken Piatons; diese
moralisierende Tendenz ist der kecken Märchenkomödie ebenso fremd, wie
dem echten Märchen.
. Über die Draken (6 Api/to;) des neugriechischen Märchens cf. Schmidt,
Volksleben der Neugriechen I, S. 190 ff.
Das erste der übersetzten Bruchstücke lautet im Original folgender-
massen (fgm. 10 K.)
ou yip 7)v TOT GUTS Mav/f; ouT£ Sirijci; ouSsvi
Sou^o;, oikV auTÄ; iSst [/.oj^^siv dcTravT sv oljtiqc •
eiTa :rp6c toutoigiv t^Xouv opdptoct t& fftTta,
<3(;t£ Ty)v )cco[A7)v Oz7)j^6tv OiyYOCvoudcSv tä; [/.uXa;.
Meine Erklärung wird denjenigen vielleicht zu phantastisch erscheinen,
welche unter auTOt; einfach die Hausfrauen verstehen; sie hat aber zweierlei
für sich. Erstens müsste, wenn ocutoc; die Hausfrauen bedeutete, V. 1 ouSe-
[Aiqc stehen, nicht ou^svi. Zweitens kann das elrx Ttpo; toutoi; doch nur
von der zeitlichen Folge verstanden werden; wenn aber das Mahlen des
DiB ,WlLDEN^ 61
Getreides bei oder vor dem Tagen (opdpiac) auf das Besorgen der häus-
lichen Arbeit folgte, so muss diese in die Nacht fallen, und das schliesst
den Gedanken an die Hausfrau aus. Über die nächtliche Thätigkeit der
Neraiden s. Schmidt, Volksleben der Neugriecheu I, S. 118 Manchm
Personen oder Familien, denen sie ihr Wohlwollen geschenkt Juiben, er-
weisen sie sich dadurch niitzlich, dass sie ößers des Nachts in ihre
Wohnung eintreten und daselbst fegen, putzen und aufräumen, so da>ss,
wenn die Hausfrau am Morgen aufsteht, sie schon die ganze Arbeit ge-
than, alles fein und sauber findet. Neraiden als Müllerinnen s. Hahn II, S. 79.
Die Arbeit der Geister ist keineswegs geräuschlos; cf. Gbihm, deutsche
Sagen I, S. 84.
Das zweite Bruchstück lautet im Urtext (fgm. 9)
ouS* a7ro7rpo?wm2[6(yd£ )cua[Jioi?; B. 7r(0[/.xXa;
Nach Mbinbke und Kock richten die Misanthropen diese Worte an die
Wilden; ich denke, das Aussehen der letzteren liess eine solche Frage
überflüssig erscheinen.
Das dritte Bruchstück, zweifellos verderbt (fgm. 1 1)
/npiat S'auTOV xtvSuveusiv el«; tyjv Aiyu^rrov. . .
otjcoui; Xe^si;, Iva p.Yi $^v6j^y) roldi AuxoupYOu TrocTptwTaK;.
Ich schreibe:
oTfiiat S'auTov x.tvSuveu£tv ei; tjqv Aiyu^Tov aTTOtxetv,
ra; aTuoSet^et; iva Sy) $üV6j^y) Totdt Auxoupyou TraTpioSrai;
d. h. «um die Offenbarungen mit den Landsgenossen des Lykurgos zusam-
men zu besitzen.» Luc. Hahn 18: a7reS>i{jLY)(yx Xe xal ei; ATyuTTTOv, (o^^uy-
Yevoit/.Y)v Töt; '7rpo(pT0Tai; ewi aoffiot:. Der genannte Lykurgos ist ein Zeit-
genosse des Pherekrates.
Das letzte Bruchstück schreibe ich so:
evdpudxoiGi xat ßpa)cavoi;
xal (JTpaßi^XoK; ^yJv • OTrorav S'
tqSt) Tceivwdi (j^oopa ±
ax^Tuepst Tou; TTOuXuTToSa; *
[ßpuXOVTa;] VUJCTCöp TTSptTpCö -
yeiv auTöv tou; SaxTuXou;
Aus dem Langvers entsteht durch öftere Wiederholung der ersten Vers-
hälfte das Pnigos; die ausgeschriebenen Verse offenbaren sich also als ein
Pnigos zu einer Parabase in Eupolideen.
V _ W M
62 Das stille Volk.
Ich habe sie der grösseren Gefälligkeit wegen durch Glykoneen wiederge-
geben. Zu ßpuxovTa; TrepiTp^Ysiv tou; SaxTuXou? cf. Arist Yög. 26 ßpu-
jcouff (XTreSeddat (fintsi {tou tou; 8axTuXou;.'Evdpu<7xov, av^iioxov, avdptor-
xo? nach BiliiBBBBck (Flora classica S. 77) unser Klettenkerbel, eine Gift-
pflanze. Bei dem trostlosen Zustand der antiken Botanik sind solche Identi-
ficationen immer etwas misslich; der Confonnität wegen habe ich jedoch
auch das unbekannte ßpaxavov mit ,Bärenklau' übersetzt.
23» Griechische Bergmannsagen sind leider gar nicht bekannt; sonst wür-
den wir wohl über die Metallier etwas genaueres angeben können. In Gbihm's
,deutschen Sagen' sind mehrere, die von diesem Völkchen handeln, nament-
lich interessant die Sage vom Untersberge (I, S. 28). Er ist im Inneren
ganz ausgehöhlt, mit Palästen, Kirchen^ Klöstern, Gärten, Gold- und
Silberquellen versehen. Kleine Männlein bewahren die Schätze. Das sind
die Einwohner der versunkenen Stadt Helfenburg, die noch vor kurzem
oft um Mitternacht nach Salzburg kamen, in der Domkirche daselbst Gottes-
dienst zu halten. Die Volksphantasie fasst somit diese Bergbewohner auf
als Geister von Menschen, die dort ehemals lebten; daher nennt auch die
Alte der Komödie die Metallier, von denen doch offenbar im langen Frag-
ment die Rede ist, vexpot, und ihre Gevatterin die unterirdische Stadt
TapTapo;. — Cf. auch S. 24, 33 (das, stille Volk'), 35 und 143 bei Gbimm.
Für die falsche Übersetzung des 7oßuXXt(o(yai xal Ta poSa xsxapfAevat
werde ich hoffentlich Gnade finden.
Zu der hier vorliegenden Auffassung der Unterwelt bietet das Märchen
,vom Goldäpfelbaum' (bei Hahk II, 49 ff.) Vergleichungspunkte. Der Jüng-
ling steigt in die Unterwelt durch einen Brunnen, der sich auf der Spitze
eines hohen Marmorberges befindet Interessant ist der Apfelbaum, der
bei Pherekrates ganz allein als Baum der Unterwelt genannt ist; cf. das
griechische Volkslied vom Garten des Chäros (Schmidt S. 165): Fluch dem,
der einen Apfelbaum im finstem Hades pflanzte!
Über die angezweifelte Echtheit der ,Metallier', sowie der ,Guten'
und der ,Perser' cf. Mbinbkb, bist, crit 69 f.
24* Die directe Met9,morphose von Ameisen in Mensehen kann ich aus
neugriechischen Märchen nicht nachweisen. In einem Märchen (Hahk I,
S. 86) verleiht eine Ameise dem Helden die Kraft, durch die Nennung
ihres Namens sich in eine Ameise zu verwandeln. Anderswo (IT, S. 9) fin-
det der Held einen kleinen Mann, der aber zehn EUen breit und halb
Mensch, halb Ameise ist; das ist der König der Ameisen, der mit Hilfe
seines Volkes dem Helden die Getreidearten sichtet. In der hellenischen
Sage — die Stellen hat Kook a. 0. gesammelt — verwandelt Zeus auf die
Bitte des Aiakos die Ameisen von Aigina in Menschen, während nach ei-
Die ,Am£I3enhbnschen'. 63
ner anderen Überlieferung (Paus. II, 29, 2) die Unterthanen des Aiakos
aus der Erde gestiegen sind. Mag nun das ganze eine aeüologische Sage sein
(MupjjLiSwv — |xvp|xy)$) oder nicht, jedenfalls erfreute sie sich einer grossen
Popularität, und Pherekrates konnte sie fttr seinen Zweck ebensogut be-
nutzen, wie Aristophanes in der ,Eirene' die Fabel vom Käfer, der zu Zeus
geflogen ist
Den Gedanken an eine mythologische Komödie hat Mbikbke gehabt
und aufgegeben (FCG. II, 310); es war nicht nötig, dass Kock a. 0. ihn
wieder aufnahm. Da nämlich fgm. 120
Deukalion erwähnt wird^ so meint* er, Pherecratem fdbulas de diluvie
Deucdlionea et de formicis a love Aeaci gratia in homines commutatis
coniunxisse^ cui apinioni fragmenta paene omnia favent. Eine so uner-
hörte Mythencontamination sollte man doch nicht ohne weiteres einem an-
tiken Dichter zuschreiben; und was die Fragmente anbelangt, so darf man
wohl sagen, dass kein einziges dieser opinio günstig ist. Vom redenden
Fisch, vom Rockenmast (Deucalioni Pyrrha ingruente eluvione suadere vi-
detur lit ßiso — vielmehr colo — utatur pro malo\) versteht sich das
von selbst; sehen wir die anderen an. Fgm. 118.
üdTspov iparai x,amdsa?[et tw Tcarpt
Kock: intellegendus est AeacuSy qui civibtis amissis lovem patrem
preeatur, ut alias sibi det quoquo ^nodo creatos. Somit machte Pherekra-
tes den Aiakos, der um neun Menschenalter jttnger war als Deukalion, gar
zu seinem Zeitgenossen; doch das mag auf sich beruhen. Schlimmer ist das
lexicalische Missverständnis. Die beiden Ausdrtkcke apocG^ai und eTuidea-
^ecv werden uns also erklärt:
1) Suid s. v. ipÄTat: 'Aparat • su^^sxai, rf JcaTapöCTai. <^epe)cpaT7)i;
Mup[iL7]3cavdp(6xoi(; uffxepov xtX. Da das Citat naturgemäss auf die letztge-
nannte Bedeutung zu beziehen ist, bedeutet apoL(7dai bei Pherekrates
fluchen, nicht beten.
2) Eust. ad Odyss. p. 1438, 37: extdea^Ietv ^eyov ol TraXatol ävtI
Tou xaTapöcddai, irpo^epavTsc xai iSy)(5v^ <^£pe)cpaTou; TauriQv: uffTepov xtX,
Also auch ewtS^eaJ^eiv bedeutet bei Pherekrates fluchen.
Wie stimmt das nun zu Aiakos und Deukalion ? Wie schön es dagegen
zu unserem Mädchen stimmt, die der Vater in die See hinausgestossen,
leuchtet wohl ein.
Ein weiteres Fragment:
Kock: Pyrrha signißcari videtur, nescio qm casu Äeginam delata. Pyrrha
ein altes Weib!
64 Bluhenlachen.
Was nun den Namen Deukalion anbelangt, so kam er in der Mytho-
logie mehr als einmal vor, und es lässt sieh gar nichts gegen die Möglich-
keit sagen, dass auch das Märchen ihn verwandte.
Fgm. 120
\o6l ttoO' U[A£T; .....
)cai T-if? opo97J|(; tov j^ouv [u[/.(iSv]
TLOLTOL Trf«; x.£(paV/f(; xaTajATo^jovTat
XayaptJ^ofjLevoi.
d. h. sie werden den Schutt des Daclies auseinander scharren und (euch)
denselben auf den Kopf werfen, scilicet die Ameisen, wenn ihr, die Zu-
schauer, unserem Stück nicht den Sieg zusprecht. Cf. Ar. Vög. 725 flf.
1101 ff. Die Verse sind somit aus dem Pnigos der Parabase.
Fgm. 122. AXXa xar xoba; toc; ev efjLot dcTToßavy ä (/.eXXovsv iptd-
Tvjdtv. Die Worte sind verderbt; der Rhythmus, den man heraushört, * ist
doch vor allen Dingen anapästisch. Sollen wir nun verbessern, so isi aTuo-
ßavd' auf keinen Fall anzutasten; aTcoßatvö) hei den Attikern gew. ohne
Zusatz banden (Passow); der Dual geht auf die Königstochter und ihren
Begleiter. Man könnte folgendes versuchen
aTToßavd' a[y6][/.£XXo(iL6v apt<JTav.
Die Gestalt des Halben kommt, so weit mir bekannt ist, nur noch in einem
slovenischen Märchen (Polovanjek) vor, bei Valjavec narodne pridovjedke,
S. 233, wo die Halbheit auch besser erklärt ist: der Teufel hat die Mutter
gefreit, sie gebiert ihm 3 Kiüder; beim Abschied bekommt jedes ein und
ein halbes. Ein ähnliches Märehen bei Schmidt, Volksleben der Neugrie-
chen I, S. 114.
Natürlich ist es nicht durchaus notwendig, dass der Halbe im helleni-
schen Märchen vorgekommen sei; parallele slavische Märchen (Glinski I,
S. 161 ff.; AeAHACbEB-L I, S. 511 ff., Nikoliö As 2) kennen ihn nicht.
25. Aus den ,Persern* ist noch folgendes Bruchstück überliefert:
(ö [iiaXajra; [xiv e^epwv, avaTuveov S'udcxtvdov,
xal [jLeXiXwTtvov XaXwv xat poSa Trpo^dSdTopw;,
(0 (pcX(5v [/.ev a[/.apax.ov, 7rpo;3Cuv5v S4 aeXiva,
yeXcov S' tTCTTOffeXtva xat 3C0(y[jL0<javSaXa ßatvcdv
I^Y^^et jcÄTTtßoa TptTOv Tcatwv', (o; v6[i(.o; eaTtv.
Hier ist ^alles komisch übertrieben, aber die Vorstellung ist durchaus mär-
chenhaft. Das Märchen bei Hahn I, S. 194 handelt von einem Mädchen;
'i
Die ,Zib(ien'. 65
so oft diesfes wemte^ umrden ihre Tränen zu Perlen^ und so oft es lacU9^
fielen Rosen von ihrem Munde (cf. po^a Trpo^ffSdiQpcd;), und als sie lau-
fen konnte^ fiel ihr bei jedem Tritt ein Edelstein von dem Fusse. So
fallen auch der Blumenschwester bei Gonzbnbaoh I, 229. beim Spreeben
Kosen aus dem Mande und beim Kämmen Perlen und Edelsteine aus
dem Haar; der Marziella im Pbhtamsbone J\& 37 fallen beim Atmen Rosen
und Jasmin aus dem Munde, beim Kämmen Perlen und Granaten aus dem
Haar, und aus ibren Fussspuren wachsen Lilien und Veilchen empor."
Cf. Obimm As 179 und das polnische Märchen Lud VHI S. 54 ff. (Perlen
weinen, Rosen lachen).
u Die ,Ziegen^ werden gewöhnlich für eine Tendenzkomödie gehal-
ten, indem man nach dem Vorgänge Bbbgk's Fragmente heranzieht, de-
ren Zugehörigkeit zu den ,Ziegen' durchaus nicht bezeugt ist.
Das erste von den übersetzten Bruchstücken ist zwar verderbt, aber
der Sinn ist klar. Ueberliefert ist (1 K.)
epet TTod; auxov, Trptü) {/.oi GeXdcj^iov . ti S'>iv Xuxov ;
)C£)ipa$6Tai 9paaet re Tupo; tov aTwoXov.
V. 2 schreibt Kook sehr schön
epet, wpuo [iiot aeXaj^i' . "JQV t iSyj >uxov
Das zweite Bruchstück ist (10 K.)
TTpo^evevxe {/.ouyyu; t6 <ito[/.' off^peddat to <jov.
Cf. Pherekr. fgm. 2Ö K.
o);7:ep twv alytStojv oJ^etv Ik tou ffTOj^aTo; [iLeXtx7)pa;
Das dritte Bruchstück ist (2 K.)
ffu S' aiyta^et; evdaSl xa^'[/.evo;
Die Erklärung des Anonymus Ttepi aiY^Sv >iaXeT; findet ihre Bestätigung in
ähnlich gebildeten Wörtern; cf. ßaxi^stv (Eir. lQ71),7raTepi^etv(Wesp. 65 2)
d'jyaTept^^tiv (Araros fgm. 7 K.), aSeX^tJ^etv (ApoUophanes fgm. 4 K.)
Ich habe mit Fleiss nur diejenigen Bruchstücke herangezogen, aus
denen sich eine bestimmte Situation ergab. Wie konnte man nur auf fgm. 3
3cai ^viiv {jiadovTt [/.-JoSe TOCYupi {i.ou(ji)cy??
und fgm. 4
eY«o TeXß TOV (AKJ^ov övTtv' &v [JL£ yujrf^
5
66 Das ,goldene Zeitalter*.
etwas geben! Soll ich sie dennoch in meine Reconstruction einflechten, so
schliesst das Märchen vom Ziegenkinde damit, dass die Eltern der Ziege
zu Hof geladen werden; sie wollen erst nicht kommen und verstecken sich.
Der Ziegenhirt geniert sich eben, am Hofe zu bleiben tmd zuleben^ da er v(m
musischer Kunst nicht die Bohne gelernt hat Da lässt der König den bei-
den prächtige Kleider machen — wofür er dem Schneider verspricht die
Löhnung zu zahlen, die er verlangt — und holt sie selber ab.
Das Märchen vom Ziegenkinde (Hahk I, S. 127 ff.) ist ganz singulär;
verwandte Züge finden sich zwar auch bei anderen Völkern, aber als
Ganzes ist es auf griechischem Boden entsprossen.
27* Über die Zugehörigkeit des ersten Bruchstücks (Grates fgm. 15 K.)
zum ,goldenen Zeitalter' des Eupolis vgl. Anm. 18; ich übersetze nach
dem Text vonKocK. In der Übersetzung des zweiten Bruchstücks (277 K.)
XotTTo; yap ouöet;; tq Tpo^aXl^ exetviQt,
i(f^ u$(op ßaSb^e, dxtpov ri^^fiea^ihri.
folge ich ebenfalls Kogk (caseus recens vpse ad aquam ut ahluatur a^cce-
dere dicitur), nur dass ich das Ganze als Anrede fasse und daher ßdcSi^e
für ßaSt^ec schreibe. Aber wird der Käse nicht vielmehr nach Wasser aus-
geschickt? Dafür ist das classische Beispiel Luc. Philops. 35: eTuei^T] ^l IXdoi[jLev
eV; Tc xaTaywytov, Xaßcov av 6 avTjp tov jjloj^Xov ttJ; ^upa; ri t6 x6pY)dpov
ri xal TO uTTspov xepißocXcov IjjLaTioi;. sTretTrciv Ttva eTrcp^Tjv ettoUc ßa-
Sc^etv . . • TO Se dcTreXdov uSop Te dcTTiQVTXei xtX., Gobthb'b ,Zanber-
lehrling.' Das neugriechische Märchen kennt einen Krug, der alles thüt,
was man ihm sagt; s. Hahn I, 253.
Das schöne Fragment in Epionikem hat fünf Verse, die aus verschie-
denen Teilen des Gedichtes stammen, so dass die Beziehung des mittleren
schwer zu erraten ist:
w xaXXtcTTT) TToXt TuaffSv, oora? KXewv e^op^,
(o; eu$ai(iL(dv TupoTepov t' 7)(rda, vuv ts jjlöcXXov Soret
^öet TTpwTOv [jlJv uTuapj^etv 7ravT<«)v tcruTjoptav
*
TTw; ouv oux av Ti; 6[Jt.iX(3v x^t^p^t TOtqcSe izokei,
l'v' l^ecTTcv xavu XeTUTw xaxGÜ ts t7)v l^eav —
Dafür ist der Sinn des letzten Verses ziemlich klar; Kook'b Deutung
(ubi etiam exiguo et nmus piücro homim liceat ad rem publicam
admini Strand am acceder%) ist sicher falsch; wo in der Welt wird
von Staatsmännern körperlich(3 Schönheit verlangt? —
SCULAKAKFENKOMÖDIKN. 6 7
Da das »goldene Zeitalter^ und die ,Amphiktyoueu^ die letzten Schla
raffenkomödien sind, von denen im Text geredet wird, so mögen hier einige
zusammenfassende Bemerkungen folgen.
Die YorsteUongen der Alten über den Urzustand der Menschen zerfallen
in zwei Gruppen. Entweder nahm man nämlich an, sie hätten in totaler
Wildheit gelebt, wobei der Schwächere des Stärkeren Speise war; oder mau
stellte sich umgekehrt das Dasein der ersten Menschen als paradiesisch
selig vor. Diese letztere Vorstellung, die für uns einzig in Betracht kommt,
erscheint wiederum in einer doppelten Version.
Die erste ist die Hesiodische; sie spricht nur von der ursprünglichen
Seligkeit und Frömmigkeit der Menschen; Genuss des Fleisches erscheint
durchaus als gestattet (vgl. Gsaf, ad aureae aetatis fabulam symbola 13).
Die zweite ist die Pythagoreische. Die Tiere hatten die Gabe der Rede
und wurden nicht als Speise verwandt. (Über den Zusammenhang der re-
denden Tiere mit der Fleischabstinenz cf. Gbai» S. 20).
Bei den Komikern treten uns beide Vorstellungen entgegen. Da aber
die Hesiodische Vorstellung die populäre war, die Pythagoreische das
Zeichen ihres Ursprungs an sich trug, so dürfen wir bei den Komödien,
welche auf die letztere Vorstellung zurückgehen, immer einen Zusammen-
hang mit der Persönlichkeit des Pythagoras annehmen. Bezeichnen wir
diese beiden VorsteUungen mit I und ü, so sind zu registrieren
unter I: a. die ,Plutoi' des Kratinos wegen fgm. 163, 164; doch ist die
Beziehung ungewiss.
b. das ,goldene Zeitalter^ des£upolis, vielleicht (vgl. fgm. 281 K.).
c, die ^mphiktyonen' des Telekleides, in denen gebratene Tiere
und Vögel ausdrücklich erwähnt werden.
d. die ,Metallier^ des Pherekrates.
e, die ,Perser' desselben Dichters.
/. die ,Tellerlecker^ des Aristophanes (fgm. öü6), wenn man erst
wüsste, was von dieser Komödie zu halten ist.
- g, die ,Perser von Thurii' des Metageues.
h. die ,Sirenen' des Nikophon.
unter 11: die ,Tiere' des Krates.
Diesen Unterschied fanden die Dichter bereits in ihren Stoffen vor;
einen zweiten brachten sie durch ihre zwiefache Auffassung des
Stoffes hinein. Da die Seligkeit des untergegangenen Geschlechtes die
Folge seiner Frömmigkeit war, so Hess sie sich als etwas Erstrebens-
wertes der Gottlosigkeit der Lebenden entgegensetzen. Löste man sie von
diesem Zusammenhange, so erschien sie als Bequemlichkeit und Müssig-
gang, und dann war das dürftige, aber arbeitsame Leben der zeitgenössi-
schen Generation der Gegensatz. Im ersten Falle waren die Sympathien
des Dichters mit dem goldenen Geschlecht, im anderen gegen dasselbe.
68 Ykbjünouno.
Von diesem Standpunkte betrachtet, zerfällt die Gruppe I in zwei Unter-
gruppen.
la. Hierher gehören sicher die ,Amphiktyonen^; möglicherweise auch
die ,Plutoi' und die ,Metallier', die den ,Amphiktyonen^ nachgeahmt er-
scheinen.
Ib. Hierher gehört sicher das ,goldenc Zeitalter' und die ,Perser^
wahrscheinlich die jPerser von Thurii*; möglicherweise auch die ,Teller-
lecker^. Die Beziehung der ,Sircncn' ist unsicher.
Soviel können wir mit Hülfe der dttrftigen Bruchstücke constatieren,
die uns vorliegen. Unter solchen Umständen ist es wohl nicht erlaubt, die
Erfindungsgabe und Originalität der in Frage kommenden Dichter anzu-
zweifeln; wir mttssen vielmehr annehmen, dass wenn uns von den altgrie-
chischen Schlaraffenkomödien mehr bekannt wäre, ihre Verwandtschaft
unter einander nicht grösser erscheinen wttrde, als etwa die Verwandt-
schaft der ,Lysistrate' mit den ,Ekklesiazn8en'.
28. Die ,Horen' des Arisfophanes scheinen dem Lucian für seine
,Götterversammlung* vorgelegen zu haben. Hier wird im Himmel über die
unechten Götter zu Gericht gesessen; Zeus ist Vorsitzender, Hermes He-
rold, Momos Ankläger. Das TLrifyjyiLOL
axoue, «jtya * tc; ayopeusiv ßouXsTat;
w
könnte unverändert in der Komödie stehen.
92. Das Verjüngen, des Menschen ist ein beliebter Zug, doch sind die
Mittel der Verjüngung gewöhnlich andere. Medea kocht den Aisou auf,
nachdem sie ihn zerstückt hat; so auch im russischen Märchen vom Sol-
daten Ungewaschen (HeyMofisa, bei AoABAObEB'L III, S. 9 ff. = ,des Teu-
fels russiger Bruder^ beiGBiMii J^ 100); auch im polnischen Märchen, das
dem gleich zu erwähnenden neugriechischen entspricht (Glinski II, S. 41),
nur dass hier . das Aufkochen durch das Waschen ersetzt ist. In einem
neugriechischen Märchen macht die Heirat mit der Schönen der Welt wie-
der jung (Hahn II, S. 7); schwerlich ein antiker Zug, vielmehr ein Aus-
fiuss der mittelalterlichen Anschauung, dass ein junger und gesunder Kör-
per Jugend und Gesundheit ausstrahle und auf denjenigen übertrage, der
in unmittelbarer Nähe lebt. Sonst geschieht die Verjüngung durch einen
Trunk (die Faustsage; cf. auch die Äpfel der Jugend, welche die
Sonnenschwester dem Iwan - Carewicz gibt [MOiosaBiu A^JiOBa], Aoa-
HAOBBB'b I, S. 152, und die sind sicher mit den verjüngenden Äpfeln der
Idun [Gbimm, deutsche Mythologie I, S. 266] identisch, vgl. AoAEACbEBi»
uodTHYOCKia BOsap'bHiA cJaBABi Ha npupOAy [poetische Naturanschauungen
der Slaven] III, 271 ff.); durch Besprengen mit dem verjüngenden
J
Das , Altera 69
Wasser (woda'odmtadzaj^ca) im polnischen Märehen (GwirBKi III, S. 45 f.);
durch Glut nachdem zuvor der Körper mit Pferdeschaum gesalbt ist (b. Gon-
ZBHBAOH 11,8.154) oder durch blose Wunschkraft(Armelliuob.GoNZKN-
BAOH II, 12; im PsHTAiiBBora ^ 31 ist diese Wunschkraft an einen
Stein gebunden, der im Kopfe eines Hahnes gefunden wird).
Im Pbktameboke (J\& 10) wird die schlaue Alte von den Feen zum
Spass in ein junges Mädchen verwandelt; als eine neidische Gevatterin sie
fragt, wie sie es angefangen hätte, sagt sie, sie hätte sich die Haut abge-
zogen; die will es ihr nachmachen und stirbt dabei. (Dasselbe Märchen bei
Gqbzbnbagh II, S. 93 ff.); im entsprechenden polnischen Märchen (GliiIski
lY, S. 128 ff.) fehlt der Zug, da die Heldin nur hässlich, nicht alt ist.
Das im Text übersetzte Bruchstück lautet im Original (fgm. 139 K.)
st TraiSapcoi; axoXoudetv Set cr^otpav xoti tj^key^i^' Sj^ovTa
Das setzt ein^n Eingang voraus wie Plut. 555
ci; (iLaKapiTTiV, (0 Aa[j(.aTsp, tov ßtov auTOii xaTsXe^ai;,
[et ^etffajjievo; xat [JLO)^d>i<Ta; , xaTaXet^j/ei [xriHi Ta^vjvat.]
Nach der volkstümlichen Anschauung der Russen h&ntet sich der Haus-
geist (AOMOBOfi) al^ährlicL Das darf auf keinen Fall natursymbolisch er-
klärt werden, wie AoABACbEBi (oo3T. "Bossp. II, S. 104) es thut; vielmehr
haben wir darin einen directen Ausflnss der hellenischen Auffassung anzu-
erkennen, wonach der Spiritus familiaris in der Gestalt einer Schlange er-
scheint.
30« Dass gerade diese Sage von Anagyros den Inhalt der aristophani-
schen Komödie bildete, wird — abgesehen davon, dass uns eine andere
Sage von diesem Heros nicht bekannt ist — durch fgm. 51 K. wahrschein-
lich gemacht, wo die Phantasien der liebekranken Phaidra im ,Hippolytos'
parodiert werden; im selben Fall befand sich die Stiefmutter der Anagyros-
sage. Im übrigen gehört diese zu den Dryadenlegenden, über die Mahh-
HABDT Antike Wald- und Feldculte S. 8 ff. zu vergleichen ist.
3L Das Märchen bei Hahn I, S. 191 ff. sehr kurz und offenbar un-
vollständig. Die Ergänzung solcher Märchen ist freilich Sache der Willkür;
ich wage daher die folgende Vermutung nur zweifelnd vorzutragen. Der
Vater, dem die Tochter entgeht, muss etwas unternehmen, um sie wieder-
zufinden; das liegt in der Natur des Märchens. In einem sicilianischen Mär-
chen (Gokzerbach I, S. 153) zieht der böse Kaplan seinem Pflegekinde
nach, das er am Hofe des Königs wiederfindet. Irre ich nicht, so ist der
Koch, der im deutschen Märchen eine so grosse Rolle spielt (Gbimh J\& 65)
70 Allerleirauh.
und im griechischen vorausgesetzt werden mnss, eben der verkleidete Vater
des Mädchens; darum heisst er auch in der Komödie Zixcdv, was ein bei
Köchen beliebter Name war, darum ist auch in den Fragmenten soviel
Ton Kochkunst die Rede. — Die übersetzten Bruchstücke sind: fgm. 2
iW avuaov, ou pisXXeiv exP*^^» ^^* ayopaaü)
ocT^a^oCTravO' , 6V av xeXsuyj^, co yuvat.
Tuvai mit Bezug auf die zugesagte Hochzeit. Fgm. 9
wohl aus dem Orakel, das dem Köuigssohne gegeben worden ist. Auf die
Töchter des Aiolos kann die Bezeichnung a[i.<pi'3uoAoc nicht gehen. End-
lich fgm. 8
xal StaaTtXßovd' 6p(0[jt.&v,
(OCT^ep ev xatvq) ^uj^vouj^w,
gut von KoGK erklärt: ut e lucema flamtna^ sie ex veste perhicAat mu-
liercuiae puicritudo.
Wem es übrigens bedenklich vorkommen sollte, aus der verbrecheri-
schen Liebe der Aeolidengeschwister ein entsprechendes Verhältnis von
Vater und Tochter zu machen, den möchte ich darauf aufmerksam macheui
dass die nähere Präcisiou der Blutschande für das Märchen ohne Bedeu-
tung ist. Im russischen Märchen (Aoabacbebi» I, 210 £ ef. m, 60 ff.) ist es
der Bruder, der die Schwester zur Ehe begehrt; aufden Rat einer Alten macht
die Schwester vier Puppen*) und stellt sie in der Kammer auf. Wie das Paar
von der Trauung zurück ist, singen die Puppen: ,Kuckuck, thn dich auf^
Erde! — Kuckuck, versinke, Schwester!' (sysy, pascTynncb, semui! — syny
npofiaiHCB, cecTpa!); und die Schwester versinkt und kommt in der Unter-
welt wieder zum Vorschein. In einer hohlen Eiche verwandelt sie sich in
eine Alte und verdingt sich dem König als Ofenheizerin; sie neckt den
Königssohn, wie im griechischen und deutschen Märchen^ und wird mit
Hilfe des Pantoffels erkannt. Interessant ist der hellenische Zug, dass die
Erde das Mädchen verschlingt. — Das Märchen bei Xv^akobi III, S. 1 1
hebt ebenso an, doch ist hier manches Ungehörige beigemengt, und die
Flucht des Wunderbaren ganz entkleidet. Überhaupt eignet sich dieses
Märchen vorzüglich dazu, dass man an ihm die allmähliche Yerflaeihung
der Märchenpoesie darlege. In einer polnischen Variante versinkt die Schwe-
ster nicht, sondern sie entflieht durch unterirdische Gänge, deren das Scbloss
^) Offenbar Missverstäudnis: KyKja (Puppe) uud KyKymxa (Kuckack).
FiSCHMAKCRKN. 7 1
Tiele hat (Lud VIII, S. 23); in einer anderen flieht sie in einem Postwa-
gen (Lud YIII, S. 57); nnn wäre nur noch eine Steigerung möglieh.
Den vier Pappen würden im hellenischen Märchen vier Götterbilder
entsprechen, zn denen das Mädchen in der höchsten Not betet. Ganz ana-
log ist der Zug des walachischen Märchens (Schott S. 160): WUischaber
ffieng zu den vier Stemsäiden und betete sie neun Tage lang an^ worauf
aus denselben ein Schwert und ein Stahl herauskamen,
S2* Der Hanptreiz der archippischen Komödie bestand, wie es scheint,
in einer launigen Schilderung des Fischlebens, wobei sich aus den Namen
und dem Aussehen der Fische zahlreiche Anhaltspunkte ergaben, die mensch-
lichen Verhältnisse auf sie zu übertragen. Wieviel davon der Einbildungs-
kraft des Dichters verdankt wurde, wie viel die hellenische Märchenpoesie
beisteuerte, wird sich natürlich nie entscheiden lassen; dass nichts daran
hindert, auch der letzteren einen bedeutenden Einfluss auf die Gestaltung
des Dramas einzuräumen, lehrt das allerliebste russische Märchen vom
Barsch Barschensohn von Borstenfeld (o6i Epmi EpmoBRii cuni n^ernH-
HHKOBi) von der AoAHACbEBi I, S. 123 vier Varianten mitteilt. Das Fol-
gende ist eine Gompilation:
Dem Barsch fiel es einmal ein; seinen heimischen Fluss zu verlassen und
• sich in den See von Rostow zu begeben, dessen rechtmässige Besitzerinnen
die Bleiben waren. Da er nur um kurze Unterkunft gebeten hatte, wurde
er hineingelassen; aber einmal drinnen dachte er nicht mehr an die Ab-
reise, sondern Hess sich's im fremden See gefallen, verheiratete seine Söhne
und versorgte die Töchter, die Bleiben aber trieb er aus ihrem Stammsitz in
Moräste und Sümpfe, dass sie drei Jahre nichts Anständiges zu essen und
zu trinken hatten und elend hinzusterben begannen. In dieser Not wählten
sie einen Richter, den ,Wels mit dem grossen Bart^ (russisch reimt
sich*s besser: piiöa com ci öoibrnsMi ycoMi). Der Wels lässt den Barsch
kommen; der Barsch sagt, der See wäre sein. ,Hast du Papiere?' fragt der
Wels; der Barsch sagt, er hätte sie gehabt, aber beim grossen Brande des
Rostower Sees, der von Petri bis Eliae dauerte, wären sie mitverbrannt
,Hast du wenigstens für diesen Brand Zeugen?, fragt der Wels. ,0 ja, die
Plötze (copora-pii6a, cyprinus erythrophthalmus) ist mit auf dem Brande
gewesen, hat eine Augenentzündung davongetragen; noch jetzt hat sie rote
Augen.' Die Plötze wird unter Escorte^) geholt; im Verhör sagt sie aus,
niemals hätte der Rostower See gebrannt; wer mit Mem Barsch verkehrt,
speist ohne Brot zu Mittag. Der Barsch beruft sich auf den Hecht, der
^) An der Escorte nehmen Teil der Fisch Schütz (cTp'6jei^i»-6oei^i>) und Ka-
rausche der Scharfrichter (Kapacb-najia<rb mit Anklang anicapaTb =s strafen); also
ganz dieselben Namenspiele wie in der archippischen Komödie.
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FiSCBMÄROHKN.
hätte die brennenden Balken getragen und sicli den ganzen Rttcken ver-
brannt; noch jetzt hätte er einen schwarzen Rücken. Aber auch der Hecht
spricht sich ebenso aus. Nun soll noch die Quappe vernommen werden;
aber die Quappe gibt den Bütteln ein Trinkgeld, dass man sie in Ruhe
lasse; sie wäre viel zu dick und ungebildet, verstände nicht fein moskaue-
risch zu reden, würde sich vor Grericht nur blamieren. Der Barsch wird ver-
urteilt und gefesselt, brennt aber durch und schwimmt in seinen Heimat-
iluss. Da kommen ihm entgegen der Hecht und der Stör; ,wohiu Teufel
geht ihr?' fragt er sie. Die Fischer erkannten den Barsch an der feinen
Stimme, fingen ihn und kochten eine Suppe aus ihm. Das war sein Ende.